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Carola Rackete - Ein trügerisches Narrativ

Ein Kommentar von Sebastian Böhm

 

Seit die deutsche Kapitänin Carola Rackete vergangene Woche trotz verweigerter Genehmigung den Hafen von Lampedusa anlief, ereifert sich die europäische Presse in einem dichotomischen Wechsel von hingerissenem Heroismus und boshafter Kritik, wobei weder in Italien noch hierzulande die konstruktive Problemlösung im Mittelpunkt steht. Anstatt den gesunden Menschenverstand zu bemühen, um vernünftige und vor allem kompromissorientierte Wege des weiteren Vorgehens zu entwickeln, lassen sich migrationskritische Politiker zu erniedrigenden Beleidigungen gegenüber der jungen Frau hinreißen, während deutsche Zeitungen nicht nur die Spendenaufrufe verschiedener Moderatoren begeistert kommentieren, sondern auch schier unzählige, zwischen Ekstase und Pathetik schwankende Artikel über die tapfere Kämpferin des Mittelmeers veröffentlichen. „Man kann den Mut der deutschen Kapitänin […] nur bewundern“ schreibt die Berliner Zeitung (Quelle 1); Oliver Meiler fordert in der Süddeutschen Zeitung gar, dass dieser „kein Heldenstatus, sondern ein Freispruch“ zustehe (Quelle 2). Gegenteiliges ist jedoch der Fall. Die Seawatch-Aktivistin hat weder eine heroische Tat begangen, noch verdient sie Absolution vor italienischen Gerichten. 

 

Das Narrativ der ritterlichen Seefahrerin, die sich selbstlos und unter Aufgabe ihrer persönlichen Freiheit für das Leben der geretteten und von Europa so herzenskalt abgewiesenen Flüchtlinge einsetzt, ist nicht nur grundlegend falsch, sondern passt vor allem auch zur bedenklich tendenziösen Berichterstattung innerhalb der Bundesrepublik, welche bereits die völlig außer Kontrolle geratenen Zustände im Herbst 2015 mit lautem Beifall quittierte und damit die vielleicht größte gesellschaftliche Spaltung seit dem Fall der Berliner Mauer befeuerte. Es stimmt schlicht und ergreifend nicht, dass Rackete von keinem Hafen die Genehmigung zum Anlaufen erhielt. Tatsächlich hatte sie die offizielle Erlaubnis, zur libyschen Küste zurückzukehren, unweit derer das Boot der Hilfsbedürftigen gesunken war (Quelle 2). Stattdessen aber entschied sie sich, mit ihrem Schiff knapp 300 Kilometer in Richtung Europa zurückzulegen, um dort offenbar ein Exempel zu statuieren. 

 

Was an der Debatte wirklich schockiert, ist jedoch der Umstand, dass all die ungelösten Probleme und Fragen der Flüchtlingskrise wie Wasserleichen an die Oberfläche zurückkehren – ganz so; als wären sie niemals weg gewesen. Unterstützer der Kapitänin stellen auf die fatalen Zustände in libyschen Flüchtlingslagern ab und folgern, dass es aus menschlicher Sicht kaum tragbar erscheine, Personen erneut einem solchen Schicksal auszuliefern. Emotional lassen sich jene Bedenken leicht nachvollziehen – doch mit welchen Konsequenzen muss gerechnet werden, wenn man es nicht tut? Es geht um Fragen der Praktikabilität, da der Westen nicht im Ansatz über die Kapazitäten verfügt, die nötig wären, um allen Menschen Zuflucht zu bieten, denen er durch ausbeuterisches Wirtschaften und egoistische Außenpolitik über Jahrzehnte die Lebensgrundlage entzogen hat. Was soll man tun mit all denen, die in den nächsten Jahren noch versuchen werden, die Reise anzutreten? Was verbessert sich in Nordafrika, wenn man sie nach Europa bringt? Ertrinkende zu retten ist ein Gebot der Humanität, mit dem jedoch kein automatischer Anspruch auf anschließendes Asyl oder gar Migration einhergeht. Wer einen solchen hat und wer nicht, bestimmen die Gerichte – keine medienwirksamen NGOs. Ein politisch motivierter Freispruch wäre dementsprechend ein fatales Signal. Wer anfängt, das Recht für einzelne zu beugen, wird es schließlich für alle brechen. 

 

Wir sollten also nicht für Schlepper spenden, sondern uns die nachhaltige Bekämpfung von Fluchtursachen zum Ziel machen – denn eins ist klar: Die fatale Situation in libyschen Flüchtlingslagern, das durch den Klimawandel bevorstehende Beben in der dritten Welt sowie die militärischen Konflikte im Nahen Osten finden ihre Lösung weder in Salvinis rechtskonservativer Abschottungsstrategie noch im naiven Versuch, ein globales Problem jener Größenordnung mittels kleiner Schiffchen im Mittelmeer zu beheben. Der Diskussionsrahmen muss sich daher vor allem in der EU verschieben – weg von (haar)spalterischen Parolen und der schon vor vier Jahren beinahe lächerlichen Bekämpfung von Symptomen; hin zu synergetischer Zusammenarbeit zum Zwecke der Sicherung unserer weltweiten Existenz. „Europa war die beste Idee, die Europa je hatte“, las man zur Wahl Ende Mai auf Plakaten der Grünen. Das stimmt. Wir brauchen jedoch ein Europa, das nicht mit Topflappenverordnungen Geschichte schreibt, sondern in Einigkeit zusammensteht, wenn es gilt, als Kontinent der Kultur und Menschlichkeit die Zukunft der Welt verantwortungsbewusst zu gestalten. Es wäre höchste Zeit.  

 

 

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Quelle 1: 

Berliner Zeitung, Tobias Miller (2019): Kommentar zur Sea-Watch 3: Kapitänin festgenommen – vor Lampedusa haben alle verloren. https://www.berliner-zeitung.de/politik/meinung/kommentar-zur-sea-watch-3-kapitaenin-festgenommen---vor-lampedusa-haben-alle-verloren-32776156 (Stand: 02.07.2019).

 

Quelle 2: 

ZEIT ONLINE, Oliver Meiler (2019): Die Sea-Watch-Kapitänin braucht keinen Heldenstatus, sondern einen Freispruch. https://www.sueddeutsche.de/politik/festnahme-in-italien-die-sea-watch-kapitaenin-braucht-keinen-heldenstatus-sondern-einen-freispruch-1.4504760 (Stand: 02.07.2019).

 

Bildquelle Teaser: 

https://pixabay.com/de/photos/sturm-mittelmeer-boot-wasser-meer-3881562/ (Stand: 02.07.2019).  

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