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Offene Beziehungen - Ist mehr mehr?

Ein Kommentar von Sebastian Böhm

 

Die Idee der Monogamie und insbesondere der auf Langfristigkeit ausgelegten monogamen Ehe hat zuletzt nicht nur an Ansehen und gesellschaftlicher Relevanz verloren, sondern scheint indessen mit einem Stigma behaftet zu sein, das klassische Beziehungsformen in die symbolische Nähe von Häkelkursen, Einstecktüchern und anderen anachronistischen Relikten aus vergangenen Jahrhunderten rückt. Insbesondere die Jugendformate großer Zeitungen – genannt seien an dieser Stelle bento (SPIEGEL Online), jetzt (Süddeutsche Zeitung) und ze.tt (Die ZEIT) – inszenieren alternative Modelle, welche sich hinsichtlich ihres Grades an zwischenmenschlicher Verbindlichkeit scheinbar zu unterbieten versuchen, als fortschrittliche, der bornierten Spießigkeit deutscher Bürgerlichkeit entgegenstehende Lebensentwürfe. Charlotte Rosch, Autorin des Skandal-Bestsellers Feuchtgebiete (2008) bezeichnet die Monogamie gar als „christlich-moralisches Konstrukt, das sich irgendwann mal jemand ausgedacht hat“ und hält dieses für „menschenverachtend“ (Quelle 1). 

 

Im Vordergrund stehen bei allen Überlegungen hinsichtlich offener Beziehungen die persönliche Freiheit sowie der Spaß am Unbekannten und Abenteuerlichen, was zunächst einmal legitim anmutet und kaum kritikwürdig erscheint. Man kann sich glücklich schätzen, die einstmals noch so prüden Zeiten überwunden zu haben, in denen alle Abweichungen vom vermeintlich heilsbringenden Standard soziale Ausgrenzung mit sich brachten und nur schwer zu begründende Sittlichkeitsvorstellungen jedweden Diskurs beherrschten. Die Liebe hat sich aus ihrem einstigen (hetero-)normativen Korsett gelöst – und das ist gut so. Zwischen verschiedenen, gleichsam respektierten Modellen ein individuell passendes heraussuchen zu dürfen, gilt mit Recht als progressive Errungenschaft – was man über die medial so aggressiv vermarktete offene Beziehung an sich jedoch nicht behaupten kann. 

 

Ihr gesamtes Konzept fußt auf dem kollektiven Gedankengut einer Generation, die bis zum bitteren Ende auf verschiedenen Hochzeiten tanzen will und versucht, Türen um jeden Preis offen zu halten. Der allzu optimistische Wunsch, die Exklusivität und das Vertrauen einer klassischen Beziehung mit der Ungebundenheit des Single-Daseins zu vereinbaren, wirkt dabei aber so illusorisch wie der Anspruch vieler Millennials, trotz 80-Stunden-Woche und kometenhafter Karriere ein idyllisches Familienleben aufzubauen. 

 

Allzu oft führen Befürworter offener Beziehungen auch das Argument ins Feld, wir wären für Treue weder gemacht noch fänden wir Erfüllung durch sie. Vielmehr sei es ein in jedermann verankertes Grundbedürfnis, sich in spontanem Wechsel und sprunghafter Oberflächlichkeit zu verwirklichen. Jene Deutung lässt die Frage nach dem dahinterstehenden Menschenbild vielleicht in gravierenderer Weise aufkommen als andere Argumentationsansätze, weil allen Darlegungen, welche die haltlose Behauptung kolportieren, man brauche zu seinem Glück die Möglichkeit, jederzeit beliebigen sexuellen Impulsen nachgehen zu können, die Tendenz anhaftet, eigentlich vernunftbegabte Wesen zu triebgesteuerten Tieren zu degradieren. Die angeblich zwingende Kausalkette zwischen Zweisamkeit, Monotonie und Unglück versucht man stets mit den seit Jahren konstant hohen Scheidungsraten zu belegen, ohne jedoch in Betracht zu ziehen, dass diese vermutlich nicht Ausdruck der grundsätzlichen Dysfunktionalität monogamer Beziehungen sind, sondern das Problem einer Gesellschaft, die wegwirft statt repariert, die – gefangen in irrationalem Optimierungswahn – unaufhörlich nach vermeintlich Besserem sucht und Probleme auf andere Menschen projiziert, anstatt nach eigenen charakterlichen Schwächen zu suchen.  

 

Auch Anne Waak, eine Journalistin und Buchautorin aus Berlin, die sich unlängst auf ZEIT ONLINE zum Thema geäußert hat (Quelle 2), vertritt die These, dass Monogamie dem menschlichen Wesen zuwiderläuft. Zugleich bläst sie jedoch in ein anderes Horn und bezeichnet Eifersucht – wohl die mit der Liebe am häufigsten korrespondierende Emotion – als „kapitalistisches Gefühl“ zur Durchsetzung unberechtigter Besitzansprüche. Man müsse sie durch ein erhöhtes Maß an Kommunikationsfähigkeit eindämmen und Freude an der Faszination für den „Rivalen“ entwickeln. Indem sie den solchen beim Namen nennt, entlarvt sie eine Argumentation, die vollkommen übersieht, dass es nicht um Besitz oder Macht, sondern um die Sorge geht, das äußerst zarte und vor allem volatile Gefühl der Zuneigung könne sich im Zuge der so innigen Annäherung an jemand anderen letztendlich verflüchtigen. 

Waaks Vorstellung von einer Beziehung, welche eine Differenzierung zwischen sexueller und emotionaler Treue zulässt, anstatt das eine als Teil des anderen zu begreifen, sowie die real keinesfalls existierende Gewissheit voraussetzt, sich trotz intimsten Kontakt mit Drittpersonen nicht vom eigentliche Partner zu entfremden, klingt wie die fabelhafte Illusion eines amourösen Kommunismus, der jedoch – wie sein politisches Pendant – zum Scheitern verurteilt ist. Indes darf ferner bezweifelt werden, dass derselbe triebgesteuerte Mensch, der es angeblich nicht vermag – sit venia verbo – Gelegenheiten zum spontanen Vögeln auszuschlagen, eine Befähigung zum reflektierten Umgang mit solch diffizilen Gefühlen wie der Eifersucht zu beweisen vermag. 

 

Interessanterweise beinhaltet das Konzept der offenen Beziehung anderweitig tatsächlich eine kapitalistische Komponente: Was in der schnelllebigen Ära von Tinder, Lovoo und Konsorten – so die einhellige Botschaft – wirklich zählt, ist nämlich nicht nur die Erfüllung eines individual-hedonistischen Egoismus, der es fundamental ablehnt, die eigene Begierde zugunsten einer einzelnen Person einzuschränken, sondern auch die kompromisslose Hervorhebung der marktwirtschaftlichen Maxime „Mehr ist mehr“. Wer monogam lebt, obwohl er auch diverse andere Partner haben könnte, gerät – schenkt man den Artikeln von bento und Co. Glauben – schnell in den Verdacht, generell keine guten Deals zu machen. Wer würde – unter Berücksichtigung kapitalistischer Grundannahmen – schon zwei Euro ausschlagen und dafür nur einen nehmen? Gleichermaßen kehrt mittels dieses Prinzips der totgeglaubte (oder zumindest totgehoffte) Macho zurück, der sich mit Aufriss-Geschichten brüstet und Frauen nur für beliebige Jagdtrophäen hält. Die Zahl der Sexualpartner zur quantitativen Größe und damit zum Indikator für Status und soziales Kapital aufzuwerten ermöglicht – wohlgemerkt geschlechtsunspezifisch – unter Beifall des Feminismus die Renaissance eines Typus, gegen den gerade Frauenrechtlerinnen jahrzehntelang Sturm gelaufen sind. Auch evoziert es eine paradoxe Situation, in der Sex ebenso überhöht wie entwertet wird. 

 

Zeit also für ein Fazit: Obgleich jedem selbst überlassen sein sollte, wie er leben und lieben möchte, spricht viel dafür, dass sich Beziehungskonstrukte wie dieses überwiegend negativ auf die ohnehin verunsicherte, durch postmaterielle Individualisierung zerfurchte und oberflächliche Gesellschaft der Gegenwart auswirken. Sie lösen die Fragen der Menschen nicht, sondern können als das Symptom einer im Gesamten von Unverbindlichkeit geprägten Episode gelten. 

 

Treue in ihrer ursprünglichen, vielleicht auch konservativen Ausprägung, ist daher weder eine Form verstaubter Biederkeit noch eine Absage dem erfüllten Leben gegenüber. Unter allen Beweisen für die Liebe ist sie der reinste, seltenste und kostbarste; ein Diamant, in dessen Glanz Achtung, Vertrauen und Zuneigung am besten gedeihen. Treue bleibt – das kann nicht bestritten werden – mit Arbeit und Mühen verbunden und hinkt, was ihre Einfachheit betrifft, weit hinter offenen Beziehungsgeflechten zurück, weil sie einen dazu zwingt, sich nicht nur mit seinem Partner, sondern auch mit sich selbst auseinanderzusetzen. Und dennoch: Es hat einen Grund, warum Menschen von der einen großen Lieben träumen, die Musen sie besingen und ein kollektiver Mythos von ihr lebt. Daran wird sich – allem Pseudo-Progressivismus zum Trotz – auch in kommenden Tagen nichts ändern. 

 

 

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Quelle 1: 

ZEIT ONLINE, Carolin Ströbele (2019): „Es ist das erste Mal, dass ich so etwas Privates mache“. https://www.zeit.de/kultur/2019-06/charlotte-roche-paardiologie-podcast-beziehungen-privatsphaere?fbclid=IwAR1n0wa4R98n7349AU3mxCveUSFvxbrYdtMXLWR1FyGsG-HZOzTT5C44TF4 (Stand: 25.06.2019).

 

Quelle 2: 

ZEIT ONLINE, Anne Waak (2019): Zur großen Liebe gehören mehr als zwei. https://www.zeit.de/kultur/2015-12/monogamie-treue-grosse-liebe-konzept-ehe-laurie-penny-10nach8/komplettansicht (Stand: 25.06.2019).

 

Bildquelle Teaser: 

Photo by Joshua Rawson-Harris on Unsplash: https://unsplash.com/photos/bqfsshjNOv0 (Stand: 25.06.2019). 

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