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Bildungspolitik - Volker Kauder und der große Witz

Ein Kommentar von Sebastian Böhm

 

Das deutsche Bildungssystem hat vor allem während der vergangenen Jahre Ähnlichkeiten mit dem Wetter aufgewiesen. Soll heißen: Dem einen passt es, dem anderen nicht. Soll aber auch heißen: Es bleibt gefühlt nur wenige Tage auf einem konstanten Level, Sonnenstunden sind äußerst selten und in jedem Bundesland herrschen andere Verhältnisse. Jüngst ist dies auch Volker Kauder, dem Vorsitzenden der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion, aufgefallen, der einen „Bildungsnotstand“ befürchtet und sich Sorgen um die „Qualität des Unterrichts“ macht (Quelle 1).

 

Tatsächlich kann nicht mit letzter Gewissheit gesagt werden, ob es den Unions-Politiker für diese schon beinahe scharfsinnige Äußerung zu loben gilt oder vielmehr die Frage zu stellen ist, wieso eine derart lange Zeit ins Land ziehen musste, ehe hinsichtlich der teils bereits verheerenden Zustände Alarm geschlagen wurde. Von den neu eingestellten Lehrern in Berlin besitzen über 60% keinen Lehramts-Abschluss, doch auch auf Bundesebene haben die Statistiken vernichtenden Charakter. Der deutsche Lehrerverband spricht von 40.000 fehlenden Pädagogen, die sich aus 10.000 gänzlich unbesetzten Stellen und 30.000 nur unzureichend qualifizierten Quereinsteigern oder Aushilfspersonen zusammensetzen (Quelle 2). Dabei handelt es sich jedoch in erster Linie um ein Verteilungsproblem, denn gerade für gymnasiale Fächerkombinationen wie Englisch und Geschichte besteht ein massives Missverhältnis zwischen dem seit Jahren überhöhtem Angebot und einer unterdurchschnittlichen Nachfrage. Doch wen wundert es, dass niemand an Grund- und Förderschulen unterrichten will, wenn dort ein monatlicher Gehaltsunterschied von meist mehr als 500 Euro (Quelle 3) auftritt und gesellschaftliche Anerkennung – vielleicht auch deshalb – weitestgehend ausbleibt?

 

Zu einem Bildungssystem gehören auch dessen Teilhaber – und auch hier sind ausgeglichene Bedingungen allenfalls eine Utopie. Von knapp elf Millionen Kindern (Quelle 4), die in Deutschland zur Schule gehen, erhält circa jedes elfte die Unterstützungspauschale des Bundes für Lernbedarf, welche 100 Euro pro Jahr beträgt und all jenen helfen soll, für welche die Finanzierung von Unterrichtsmaterialien eine schwerwiegende Zusatzbelastung darstellt. Noch mehr – knapp 15% – leben in Hartz-IV-Haushalten; sowie über 20% in Familien, die weniger als 60% des Medianeinkommens verdienen und damit offiziell als arm einzustufen sind (Quelle 5). Das Problem manifestiert sich demnach nicht nur in Form von fehlenden Lehrkräften, sondern auch darin, dass man die soziale Stabilität unterminiert und bereits bestehende Gräben zwischen Arm und Reich, Perspektivlosigkeit und Spitzenchancen sowie „etabliert“ und abgehängt durch diese Bildungspolitik möglicherweise irreversibel vertieft.

 

Zeit für eine Zusammenfassung: Die Bundesrepublik diskutiert also im Angesicht zunehmender Kinderarmut, bildungspolitischer Auswirkungen gewaltiger Migrationsbewegungen, der Inklusions-Herausforderung, erheblicher Unterschiede hinsichtlich der föderalen Ausbildungsqualität und massiver Investitionsstaus überwiegend darüber, ob das Gymnasium nun zwölf oder 13 Jahre umfassen soll. Das ist – als Untertreibung und Euphemismus sondergleichen formuliert – der vielleicht fatalste und folgenreichste Witz der jüngeren deutschen Geschichte. Man muss keine Kassandra sein, um in der desolaten Verfassung jenes offenbar zugrunde gehenden Bildungssystems eine Gefahr für die vielfach hegemoniale Stellung einer hochtechnisierten Industrienation zu sehen. Das kann auch Volker Kauder.  

 

 

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Am 15. September erscheint mein neues Buch "Immer diese Lehrer", das sich aus Schülersicht auf satirische Art und Weise mit den Tücken des des deutschen Bildungssystems auseinandersetzt und dabei eher unterdurchschnittliche Pädagogen aufs Korn nimmt. Weitere Informationen finden Sie auf der Seite des Verlags: https://www.schwarzkopf-verlag.net/store/p1112/IMMER_DIESE_LEHRER.html

  

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Quelle 1:

SPIEGEL ONLINE, kein angegebener Verfasser (2018): Lehrermangel – Volker Kauder warnt vor Bildungsnotstand.  http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/volker-kauder-warnt-vor-bildungsnotstand-a-1225063.html (Stand: 27.08.2018).

 

Quelle 2:

SPIEGEL ONLINE, kein angegebener Verfasser (2018): Warnung vor Lehrermangel – „Eine ganze Schülergeneration nimmt Schaden“. http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/lehrermangel-gewerkschaften-warnen-vor-bildungsnotstand-a-1223965.html (Stand: 28.08.2018). 

 

Quelle 3:

Stettner Andrea, Tessin Anne (2018): Beamte und Angestellte – Gehalt: Wie viel verdienen Lehrer in Deutschland? https://www.merkur.de/leben/karriere/gehalt-lehrer-grundschule-gymnasium-zr-8622783.html (Stand: 28.08.2018).

 

Quelle 4:

Statistisches Bundesamt (2018): Pressemitteilung Nr. 099 – Zahl der Schüler im Schuljahr 2016/2017 um 0,3% gestiegen. https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2017/03/PD17_099_211.html (Stand: 28.08.2018).

 

Quelle 5:

SPIEGEL ONLINE, kein angegebener Verfasser (2018): Hartz IV – Mehr als eine Million Kinder beziehen Stütze für Schulbedarf. http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/schule-immer-mehr-kinder-brauchen-unterstuetzung-bei-schulbedarf-a-1225049.html (Stand: 28.08.2018).  

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