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Gauland - We(h)rmacht denn sowas?

Ein Kommentar von Sebastian Böhm

 

Knapp eine Woche vor der so wichtigen Bundestagswahl schlittert die AfD von einem (kalkulierten) Skandal zum nächsten. Alice Weidel stürmte zuletzt aus der Sendung „Wie geht’s, Deutschland?“ und wurde kurz darauf mit dem Vorwurf konfrontiert, sie habe eine asylsuchende Syrerin illegal in ihrem Haushalt beschäftigt. Währenddessen sorgt Kollege Alexander Gauland mit erneut provokanten Aussagen zum Zweiten Weltkrieg für Furore. In einer zunächst unbeachteten Rede Anfang September proklamierte der AfD-Spitzenkandidat, die Deutschen hätten Jahrzehnte nach dem als „falsche Vergangenheit“ verurteilten Dritten Reich das Recht, „[sich] nicht nur [ihr] Land, sondern auch [ihre] Vergangenheit zurückzuholen“ (Quelle 1). Demnach solle die Bevölkerung auch auf die Leistungen ihrer Soldaten in zwei Weltkriegen stolz sein dürfen.  

 

Thomas Oppermann (SPD) warf ihm daraufhin „geschmacklose Geschichtsklitterung“ vor und erinnerte an barbarische Kriegsverbrechen sowie Millionen Tote in Europa. Grünen-Politiker Volker Beck ergänzte, man könne höchstens für Wehrmachtsdeserteure und Widerstandskämpfer so etwas wie Stolz empfinden. Doch bei aller Empörung erscheint die völlig nutz- und sinnlose Debatte über Identitätsfragen platt und undifferenziert.

 

Zwischen 1939 und 1945 dienten laut dem Historiker Rüdiger Overmans 18,2 Millionen Soldaten in der Wehrmacht (Quelle 2), wobei es anzumerken gilt, dass ein Großteil der solchen nur zu den Waffen griff, weil er keine andere Wahl hatte. Zu Zeiten des Hitler-Regimes konnte man nicht einfach als Hilfs-Sozialpädagoge im Sportverein tätig werden, um dem obligatorischen Wehrdienst zu entgehen – was viele Kommentatoren aus Politik und Gesellschaft aber scheinbar großzügig übersehen. Auch Helmut Schmidt, einer der beliebtesten Politiker der Bundesrepublik, war Offizier im deutschen Weltkriegsheer; der spätere Nobelpreisträger Günter Grass gehörte sogar zur Waffen-SS. Würde jene Prämisse, die Wehrmacht hätte generell aus Scheusalen bestanden, zutreffen, wäre unser gesamter demokratischer Staat von einer ausschließlich verachtungswürdigen Generation errichtet worden.

 

Neben der Tatsache, dass ein Soldat, der aus Zwang für ein falsches Regime kämpft, noch lange kein Kriegsverbrecher ist, wird – wie so oft in Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg – nicht zwischen politischen Entscheidungen und militärischer Fähigkeit unterschieden. Es macht schlicht keinen Sinn, die entsetzliche Todesmaschinerie Himmlers mit dem einfachen Gefreiten in Stalingrad zu verknüpfen, der sich zum Schutze seiner Kameraden heroisch auf eine Sowjet-Granate wirft. Wer wie Beck behauptet, das Gros der Wehrmachtsangehörigen habe auch für das „Weitermorden in Auschwitz gekämpft“, spuckt auf den Überlebenskampf deutscher Männer, die in sinnlosen Gemetzeln von Kugeln durchsiebt und von Granaten zerfetzt worden sind. Ehrenhafte Soldaten, die Fairness gegenüber dem Feind und große Tapferkeit im Kampf gezeigt haben, zu würdigen, sollte genauso selbstverständlich sein wie die moralische und tatsächliche Verurteilung der zahlreichen Kriegsverbrecher. Abfällig über „normale“ Kombattanten zu sprechen fällt natürlich leicht, wenn man in einem demokratischen und friedlichen Staat seine Arbeit als Politiker verrichtet und niemals beweisen musste, dass einem seine Ideale (Widerstand) wichtiger sind als sein Leben.

 

Das eigentliche Problem ist jedoch eher, dass sich die AfD ständig über einen vermeintlichen „Schuldkult“ mit dazugehörigem masochistischem Geschichtsverständnis echauffiert, obwohl nur sie ständig von längst vergangenen Tagen redet. Anstatt nach ewigen Streitereien endlich Inhalte zu liefern, kramt sie verstaubte Nazi-Diskussionen wieder hervor und tut alles dafür, um das offensichtlich nicht ganz unzutreffende Klischee einer rechts-außen-Partei zu nähren. Als genauso erbärmlich muss man allerdings die Reaktion anderer politischer Akteure betrachten, die sich auf diesen peinlichen Niveau-Limbo auch noch einlassen.

 

 

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Quelle 1:

ZEIT ONLINE, kein angegebener Verfasser (2017): Rede von Alexander Gauland – „Da gibt es nichts, worauf man stolz sein könnte“. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-09/rede-alexander-gauland-kritik-volker-beck (Stand: 15.09.2017).

 

Quelle 2:

Overmans, Rüdiger: Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München, 2004, S. 215.  

 

Bildquelle Teaser: 

https://i0.web.de/image/954/32316954,pd=1/alexander-gauland.jpg (Stand: 15.09.2017). 

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