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"Jugend ohne Gott" - Perspektiven des Faschismus

Eine Filmkritik von Sebastian Böhm

 

Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“, der bereits 1937 erschien, gehört zu den bedeutsamsten antifaschistischen Schriften des deutschsprachigen Raums und bildet mit bemerkenswerter Präzision die Zerrissenheit einer zwischen Moral und Opportunismus schwankenden Gesellschaft ab. Stilistisch eindrucksvoll zeichnet der Autor das Bild einer gleichermaßen verrohten wie gleichgültigen Jugend, die im totalitären Vorkriegstumult zum Spielball äußerer Gestaltungskräfte mutiert und überwiegend apathische Mitläufer hervorbringt. Mehr als zwei Jahrzehnte nach der letzten Verfilmung hat nun Alain Gsponer, ein eher unbekannter schweizerisch-deutscher Regisseur, das wirkungsvolle Werk Horváths wiederentdeckt und gänzlich neu adaptiert. Herausgekommen ist ein hervorragender Film, der zum intensiven Nachdenken anregt und die vielleicht entscheidende Frage aufwirft, ob wir unser Bild von Faschismus als solchem grundlegend überdenken müssen.

 

Im Gegensatz zur ursprünglichen Handlung des Buches, welches in einem Wehrertüchtigungslager spielt, thematisiert Gsponers moderne Interpretation das Leben in einer degenerierten und gänzlich entmenschlichten Leistungsgesellschaft: Während sogenannte „Leistungsträger“ im Stadtkern von hervorragenden Einrichtungen und überlegener Infrastruktur profitieren, befinden sich die „Leistungsempfänger“ je nach Klassifikation in der genauso ärmlichen wie perspektivlosen Peripherie des futuristisch angehauchten Areals. So erhält – zumindest nach Auffassung des Systems – jeder das, was ihm aufgrund seines ökonomischen Werts zusteht. Selbstverständlich nehmen die Auswüchse eines derart weit fortgeschrittenen, mechanischen Raubtierkapitalismus höchst fragwürdige Formen an: Die meisten Menschen in der Welt von „Jugend ohne Gott“ versuchen krampfhaft, sich den Gegebenheiten anzupassen und fungieren zugunsten ihres eigenen Wohlbefindens als Rädchen einer auf Konkurrenzdenken basierenden, desintegrativen und exklusiven Maschinerie.

 

Dementsprechend verschlägt es die Figuren des Films zu einem Assessment-Center in die Berge, wo sie unter ständiger Überwachung um die Zulassung für eine Eliteuniversität kämpfen. Zach, sehr überzeugend von Jannis Niewöhner gespielt, widersetzt sich als einziger dem erbarmungslosen, von extremer Rivalität geprägten Ausleseprozess. Als Antagonist tritt der eiskalte Spitzenschüler Titus (Jannik Schühmann) in Erscheinung, welcher über weite Teile zwar nur eine Nebenrolle innehat, die sterile Kampf-Gesellschaft hintergründig aber genauso nachdrücklich symbolisiert wie die Architektur der nicht näher benannten Großstadt. Deren Auswirkungen auf den Menschen finden einen umso deutlicheren Ausdruck, als es zu gruppeninternen Spannungen im Camp kommt.

 

Somit zeigt „Jugend ohne Gott“ eine erfrischend neue, aber zugleich erschreckend bekannt wirkende Perspektive auf den Faschismus, die eindrucksvoll verdeutlicht, dass Totalitarismus und Ausgrenzung nicht zwangsläufig mit Militärparaden und territorialem Expansionsstreben nationalsozialistischen Vorbilds korrelieren müssen. Gerade in Hinblick auf die aktuell immer häufiger implizierte Devise „Wer nichts leistet, ist nichts wert“ trägt der Film zu einer Sensibilisierung bezüglich gegenwärtiger Entwicklungen bei. Nicht zuletzt die futuristische, aber gleichzeitig durchaus vorstellbare Szenerie unterstreicht, was passieren könnte, wenn man dem eigentlich positiven Leistungsstreben keine Zügel anlegt. Unter Berücksichtigung jenes Themenschwerpunkts erscheint die Kritik von Corina Gall (Aargauer Zeitung), man habe sich nicht genug mit der Rassismus-Problematik auseinander gesetzt, geradezu unhaltbar, zumal ihr sogar im Originaltext nur eine oberflächliche Rolle zukommt.

 

Fazit: Gerade Kenner des Buches sollten sich „Jugend ohne Gott“ ohne zu zögern anschauen. Mit großem Abstand übertrifft der Film das Gros durchschnittlicher deutscher Produktionen und sticht sowohl durch schauspielerische Leistung als auch durch eindrucksvolle Kulissen und kreativen Anspruch hervor. Actionjunkies, denen an spektakulärem Effektkino ohne Tiefgang gelegen ist, sei hingegen vom Kinobesuch abgeraten. 

 

 

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