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Numerus clausus - Die halbe Leistungsgesellschaft

Ein Kommentar von Sebastian Böhm 

 

Deutschland brüstet sich nur allzu gerne mit einem unzureichend definierten Leistungsbegriff. Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft gelten dem Zeitgeist als Tugenden von unschätzbarem Wert, während Faulheit und Verweigerung als negative Gegenstücke zu Eigenschaften geworden sind, die in einem Atemzug mit „kollektiver Ächtung“ genannt werden können. Doch was heißt „Leistung“ überhaupt? Bedeutet es, über einen längeren Zeitraum hervorragende Arbeit abzuliefern? Ist sie mit monetärer Überlegenheit oder gar sozialer Elitenzugehörigkeit verknüpft? Sollte allein der Markt, sprich das Gesetz von Angebot und Nachfrage über die Bewertung individueller Verdienste bestimmen oder wäre es angebracht, im Sinne des Gemeinwohls eine egalitäre Begriffsvorstellung zu forcieren?

 

Trotz des unübersehbaren gedanklichen Interpretationsspielraums besteht zwischen allen leistungsorientierten Modellen Einigkeit über gewisse Grundsätze. Dazu gehört, dass jeder alles werden kann, sofern er sich nur genug anstrengt und aus der grauen, undefinierten Masse des mediokren Durchschnittsmenschen hervorsticht. Die Möglichkeit, vom Tellerwäscher zum Millionär zu avancieren, belebt nicht nur den American Dream, sondern stellt auch das zentrale Versprechen jeder Leistungsgesellschaft dar. Ein solches System erscheint gerecht, weil es vermeintlich gleiche Chancen für jeden Spielteilnehmer bereithält und gerade in Zeiten globalisierter Kommunikation die Illusion gehäufter Erfolgsgeschichten impliziert.

 

Der Numerus Clausus galt lange Zeit als idealtypische Verkörperung leistungsbasierter Selektion. Wenn sich wie im Jahr 2014/2015 43.000 Schulabgänger auf 9000 Studienplätze der Humanmedizin bewerben (Quelle 1), muss die Zulassung im Rahmen einer konsequenten Bestenauslese erfolgen. Über die Frage, ob es rechtens ist, die Auswahl von Kandidaten fast ausschließlich vom Durchschnitt ihrer Abiturnote abhängig zu machen, berät ab dem vierten Oktober auch das Bundesverfassungsgericht. Kläger berufen sich auf Artikel 12 des Grundgesetzes, in dem es unter anderem heißt, dass „[a]lle Deutschen das Recht [haben], Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen“.

 

Einer solchen Argumentation liegen jedoch vollkommen verzerrte, mit meritokratischen Maximen gänzlich unvereinbare Vorstellungen zugrunde. Wer meint, ihm würden heiß begehrte Gemeinschaftsgüter aus Prinzip zustehen, möchte nicht über die Art der Eignungsfeststellungskriterien diskutieren, sondern führt das Leistungsprinzip selbst ad absurdum. Die Medizin fungiert in Zeiten immer höherer Abiturientenquoten und verschulter Studiengänge gerade wegen des hohen Konkurrenzdrucks als letzte Bastion der Exklusivität. Allein das Ansinnen von offenbar „gescheiterten“ Personen, jenes Bollwerk juristisch zu knacken, erscheint absurd: Gelingt ihr Versuch, sich auf diese Weise Zutritt zu einem Reservoir gesellschaftlichen Prestiges zu verschaffen, wird das mit dem Studienplatz verknüpfte Ansehen noch im selben Moment zu Staub zerfallen.

 

Dennoch wäre es gegebenenfalls an der Zeit, momentane Selektionsmechanismen anzupassen, denn nicht nur die föderal bedingte, differierende Schwierigkeit von Abiturprüfungen lässt das System in einem schlechten Licht dastehen. Es häufen sich Zweifel, ob Abitur-Durchschnittsnoten tatsächlich als Eignungs-Indikatoren für den Arztberuf ausreichen. Man fordert spezielle Prüfungen – doch die gibt es längst. Der Test für medizinische Studiengänge (TMS) fällt an bestimmten Universitäten gar mit bis zu 44% ins Gewicht, wirft aber letztlich die gleiche Frage auf: Ist jemand, der in 20 Minuten 24 Fehlerbild-Reihen bearbeiten kann, letztendlich auch zur kompetenten Behandlung von Menschen in der Lage?

 

Aus all dem lässt sich schließen, dass die Debatte unabhängig vom Urteil des Bundesverfassungsgerichtes wohl noch längere Zeit andauern wird.

 

 

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Quelle 1:

Kaufmann, Matthias (2017): 7,5 Jahre Warten auf den Studienplatz - ist das legal? http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/numerus-clausus-bundesverfassungsgericht-prueft-nc-beim-medizinstudium-a-1162178.html (Stand: 13.08.2017). 

 

Bildquelle Teaser: 

http://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.2523069/940x528?v=1492783322000 (Stand: 13.08.2017). 

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