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Nordkorea - Ein Krieg, der niemals kommt

Ein Kommentar von Sebastian Böhm 

 

Nach Monaten der diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen Pjöngjang und Washington verschärft sich die offenbar kritische Lage im Fernen Osten zusehends. Unzählbare Drohungen wurden vonseiten Nordkoreas bereits ausgestoßen; häufig gepaart mit Atomwaffentests und der Erprobung verschiedener Mittel- und Langstreckenraketen, deren Reichweite laut Medienberichten sogar genügt, um Ziele an der Westküste Amerikas zu zerstören.

 

Mit seiner Aussage, die Vereinigten Staaten würden auf jene anhaltenden Provokationen mit „Feuer und Wut“ reagieren, „wie es die Welt noch nie gesehen hat“, ist es Präsident Trump gelungen, den Konflikt in gänzlich neue Sphären zu katapultieren. Schenkt man dem Fernsehsender MSNBC Glauben (Quelle 1), soll er schon während des Wahlkampfes in einer Besprechung mit außenpolitischen Beratern gefragt haben, warum die USA Atomwaffen besäßen, sie aber nicht einsetzten. Diese Einstellung fand ihre erneute Bekräftigung, als Trump am 09.08.2017 über Twitter verdeutlichte, das nationale Arsenal schon zu Beginn seiner Amtszeit „renoviert und modernisiert“ zu haben.

 

Dennoch: Dass die jüngsten Reibungen mit großer internationaler Besorgnis einhergingen – von der Süddeutschen Zeitung gar als „schwerste nukleare Konfrontation seit der Kuba-Krise“ deklariert wurden – überrascht hinsichtlich der realpolitischen Lage durchaus. Eine bewaffnete Auseinandersetzung in Korea wäre mit militärischen Mitteln kaum zu gewinnen und darüber hinaus eine kaum zu beschreibende ökonomische Dummheit. Obwohl Kim Jong-uns Regime auf überwiegend veraltete Technik zurückgreifen muss, unterhält Nordkorea eine stehende Armee von knapp 1,3 Millionen Soldaten und ist durch den Ausbau seiner Spezialkräfte weit stärker als alle Kontrahenten, gegen die Amerika seit 1945 Krieg geführt hat (Quelle 2). Den Staat allein durch Luftangriffe in die Knie zu zwingen, erscheint insofern mehr als Utopie denn als tatsächliche Option. Afghanistan und der Irak, beide Symbol eines theatralischen, aber letztlich wenig erfolgreichen US-Militarismus, haben gezeigt, dass die technologische Überlegenheit der Vereinigten Staaten mitunter massiv überschätzt wird.

 

Ferner spricht die Rolle Chinas gegen jedwede gewaltsame Intervention in Asien. Wenngleich sich das Land im Zuge seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Öffnung immer häufiger von Nordkorea distanziert, dürfte es aus verständlichen Gründen nur geringes Interesse an amerikanischen Angriffen nahe seiner Landesgrenzen haben. Weil das Reich der Mitte außerdem US-Staatsanleihen im Wert von über einer Billion Dollar besitzt (Quelle 3) und damit als deren weltweit größter Gläubiger in Erscheinung tritt, ist ein Krieg, geschweige denn von atomarer Natur, niemals ohne die Zustimmung Chinas vorstellbar.  

 

Letztlich stellt sich auch die Frage, welchen Vorteil Trump aus einem rein hypothetischen Sieg gegen das rohstoffarme Entwicklungsland zöge – den unverhältnismäßig hohen Preis für die Konsolidierung von US-Interessen in jener Region zu bezahlen, würde den Niedergang eines wirtschaftlich gebeutelten, ethnisch wie politisch gespaltenen sowie sozial geschwächten Amerikas drastisch beschleunigen. Die Vorstellung, durch Krieg von derartigen inneren Problemen ablenken zu können, mag schon über so manchen Präsidenten hereingebrochen sein. Hierfür dürfte es aber keine schlechtere Wahl geben Kim Jong-uns asiatischen Mikrokosmos.  

 

 

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Quelle 1:

Belvedere, Matthew J. (2016): Trump asks why US can't use nukes: MSNBC. https://www.cnbc.com/2016/08/03/trump-asks-why-us-cant-use-nukes-msnbcs-joe-scarborough-reports.html (Stand: 09.08.2017). 

 

Quelle 2:

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Koreanische_Volksarmee (Stand: 09.08.2017). 

 

Quelle 3:

Hackhausen, Jörg (2012): Neue Weltordnung - Wie China den Dollar knacken will. http://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/devisen-rohstoffe/neue-weltordnung-china-hat-die-usa-in-der-hand/7202126-2.html (Stand: 09.08.2017). 

 

Bildquelle Teaser: 

http://img.zeit.de/politik/ausland/2017-04/nordkorea-china-usa-trump-pence-2/wide__1300x731 (Stand: 09.08.2017).

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Kommentare: 1
  • #1

    Oliver (Freitag, 15 September 2017 14:43)

    Der Author hat meiner Meinung nach die amerikanische Schlagkraft falsch bewertet. Wer den Irakkrieg als Beispiel anbringt sollte erwähnen, dass die Amerikanische Armee während den Kampfhandlungen minimale Verluste hinnehmen musste. Aus rein militärischer Sicht war der Krieg ein voller Erfolg. Die Generäle setzten auf Taktiken die man schon vorher auf anderer Seite erfolgreich angewandt hatte (1940 Blitzkrieg). Zerstören der Luftstreitkräfte, schneller Vormarsch der Bodentruppen und der Einsatz starker Panzerverbände sind die groben Merkmale dieser Vorgehensweise. Der Grund warum der Irakkrieg im nachhinein nicht als Erfolg verbucht werden kann ist der Widerstand in der Besatzungszeit, der für die meisten amerikanischen Verluste verantwortlich war. Schaut man in die Geschichtsbücher gibt es viele erfolgreiche Eroberungen aber nur wenige erfolgreiche Besatzungen in der Neuzeit. Der Grund hierfür sind die Partisanen, gegen die moderne Armeen den Großteil ihres Waffenarsenals nicht einsetzen können. Betrachtet man einen möglichen Krieg gegen Nordkorea unter diesen Aspekten, sieht die Eroberung ähnlich aus. Das Atomwaffenarsenal
    der kommunistischen Diktatur würde an dem Ausgang eines, von amerikanischer Seite, konventionell geführten Krieges nichts ändern.
    Der Blutzoll der zu entrichten wäre, ist allerdings so hoch, dass man zurecht nicht Überstürzen darf.
    Festzuhalten ist, dass die Zeit gegen Amerika arbeitet. Jede weitere Rakete Nordkoreas ist eine Gefahr für den Frieden in Ostasien.