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Harvey Weinstein - Es geht nicht um Sexismus

Ein Kommentar von Sebastian Böhm

 

Die Vorwürfe gegen den US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein sind schockierend: Über Jahre hinweg soll er junge Schauspielerinnen sexuell belästigt und sogar vergewaltigt haben. Zurecht löste der Fall internationale Entrüstung aus und zog eine – wenn auch deutlich verspätete – Schelte für den Mann nach sich, gegen den nun auch die Behörden ermitteln. Seine Firma hat ihn infolge des medialen Kreuzfeuers entlassen, bekannte Unternehmen wie Amazon und berühmte Schauspieler verzichten auf künftige Kooperationen und Harvard will die verliehene Ehrenmedaille ebenso zurücknehmen wie Emmanuel Macron die Auszeichnung der französischen Ehrenlegion (Quelle 1). All jene Titel zeugen davon, dass Weinstein vor den jüngsten Enthüllungen nicht nur ein überaus erfolgreicher Produzent gewesen ist, sondern sich auch zu den höchstangesehensten Personen der amerikanischen Gesellschaft zählen konnte.

 

Genau hier liegt der Hund begraben, denn jene vorgetäuschte Empörung diverser Szenekollegen, die nun von monströsen Vorfällen und unentschuldbarem Verhalten sprechen, wird in vielen Fällen vom Verdacht einer langjährigen Mitwisserschaft überschattet. Scott Rosenberg, seines Zeichens Regisseur und Protegé von Harvey Weinstein, meldete sich in Form eines längeren Posts zu Wort und illustrierte das Phänomen des Opportunismus mit großer Eindringlichkeit: „Er machte unsere Filme. Schmiss die größten Partys. Nahm uns mit zu den Golden Globes!“, schrieb der Mann auf Facebook und ergänzte, dass es in der aus Finanziers, Journalisten, Models und anderen bestehenden Maschinerie niemanden gab, der nicht von den Vorgängen wusste (Quelle 2). In einer Oscar-Rede soll der „Hang“ des Filmproduzenten zu jungen Frauen sogar öffentlich thematisiert worden sein (Quelle 3).

 

Dass infolge des Skandals die Hashtags #MeToo und #HowIWillChange durch die sozialen Netzwerke geisterten und berechtigterweise Stimmung gegen Sexisten und Sexismus im Allgemeinen machten, ist hinsichtlich der weltweiten Diskriminierung von Frauen zwar verständlich, verfehlt aber den Kern der vorliegenden Problematik. Primär geht es im Fall Weinstein nämlich nicht um Misogynie, sondern um Machtmissbrauch im Allgemeinen.

 

Der Filmproduzent besaß Geld und – was noch viel wichtiger ist – es ließ sich Geld mit ihm und seiner Firma verdienen. Alle wussten Bescheid, doch solange das Geschäft gut lief und Weinstein einem zum karrieristischen Aufstieg verhelfen konnte, blieb man hinsichtlich der vorfallenden Abscheulichkeiten diskret. „Man beißt nicht die Hand, die einen füttert“, mag der ein oder andere vielleicht gedacht haben. Dabei erscheint es ebenso zufällig wie bedeutungslos, dass sich die verwerfliche Neigung des vermeintlichen Sexualstraftäters auf Frauen richtete: Er hätte genauso gut Tierquäler, Antisemit oder Rassist sein können. Nichts von alldem hätte etwas am Stillschweigen der charakterlosen Kohorten geändert, die von ihm profitierten und von seiner wirtschaftlichen Potenz abhängig waren.

 

Egal ob es sich also um sexuellen Missbrauch, wirtschaftliche Ausbeutung oder kollektiv begangene Gräueltaten unter diktatorischen Regierungen handelt: Immer wieder drängt sich eine unheimliche Konstante auf, die das Konzept des ethischen Menschentums gänzlich in Frage stellt: Solange wir aus bestehenden Ungerechtigkeiten Vorteile ziehen, dulden wir sie nicht nur durch passives Verhalten, sondern lassen ihnen sogar noch unsere Unterstützung zuteilwerden. Helden, die ungeachtet der individuellen Konsequenzen das Richtige tun, sind eine stets seltene Erscheinung gewesen und wirken heute mehr denn je wie ein Anachronismus aus verblassender Vergangenheit. Die Frage, wie wir mit unserer eigenen opportunistischen Fehlbarkeit umgehen sollten, mag viele an ihre moralischen Grenzen führen – dennoch sollte sie zugunsten einer besseren Welt gestellt werden. 

 

 

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Quelle 1:

SPIEGEL ONLINE, kein angegebener Verfasser (2017): Hollywood-Produzent – Der Skandal um Harvey Weinstein. http://www.spiegel.de/panorama/leute/harvey-weinstein-der-skandal-im-ueberblick-a-1173747.html (Stand: 31.10.2017).

 

Quelle 2:

SPIEGEL ONLINE, kein angegebener Verfasser (2017): Weinstein-Skandal – „Verdammt noch mal, jeder wusste es“. http://www.spiegel.de/panorama/leute/harvey-weinstein-skandal-verdammt-noch-mal-jeder-wusste-es-a-1173325.html (Stand: 31.10.2017).

 

Quelle 3:

Fleischhauer, Jan (2017): Weinstein-Skandal – Trau keinem Feministen! http://www.spiegel.de/politik/deutschland/harvey-weinstein-trau-keinem-feministen-kolumne-a-1173688.html (Stand: 31.10.2017).

 

Bildquelle Teaser: 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1b/Josh_Wood_with_Harvey_Weinstein.jpg

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