· 

Le Mérite Wissen - Fluch und Segen der Opioide (Teil I: Geschichte)

Eine Recherche von Sebastian Böhm

 

Die USA gelten trotz zunehmender ökonomischer Schwierigkeiten und offen zu Tage tretender gesellschaftlicher Spaltungen noch immer als einflussreichste Nation der Welt. Doch jene Macht und Wohlstand suggerierende Fassade scheint angesichts diverser Probleme immer mehr zu bröckeln: Ein extremes Gefälle zwischen Arm und Reich, Küste und Landesinnerem, omnipotent und abgehängt, hat die Vereinigten Staaten in nie dagewesene Abgründe gerissen. Nicht zuletzt die gegenwärtige Opioid-Krise ist Ausdruck eines schwerwiegenden Dilemmas, das nur durch Aufbietung aller Kräfte überwunden werden kann. 

 

2015 forderten illegale Substanzen circa 52.000 Tote in den USA, von denen 33.000 Opioide konsumiert hatten (Quelle 1). Verrechnet man jene Anzahl mit der Gesamtbevölkerung, ergibt sich hieraus eine zehnmal höhere Quote als in Deutschland (ca. 0,0160% / 0,0016%), wo nur 1333 Personen ihrem Drogenmissbrauch zum Opfer fielen. Viele der knapp 2,5 Millionen Menschen (Quelle 2), die im „Land of The Free“ teils starke Schmerzmittel über einen längeren Zeitraum rezeptiert bekommen, fallen der Sucht anheim und steigen schließlich aufgrund des geringeren Preises auf ähnlich wirkende Rauschgifte wie Heroin um, welche vielerorts weniger kosten als eine Schachtel Zigaretten (Quelle 3).

 

Anlässlich der momentanen Vorgänge in Amerika beleuchtet Le Mérite die mit jener Wirkstoffgruppe zusammenhängende Geschichte, Physiologie und Kriminalität in einer dreiteiligen und dennoch kompakten Wissens-Serie. Hierbei sei darauf hingewiesen, dass sich der Begriff „Opioide“ auf alle natürlichen und synthetischen Substanzen bezieht, die morphinartig sind, während „Opiate“ nur aus Schlafmohn gewonnene Stoffe und Substanzen umfassen.

 

 

TEIL I: Geschichte

 

Unter unzähligen verwandten Formen des Mohns ist der Schlafmohn (Papaver somniferum) das einzige Gewächs, das die schmerzlindernden und gleichsam berauschenden Alkaloide Morphin, Codein und Thebain enthält. Diese werden zwischen Juni und August gewonnen, wenn sich aus der weißen Blüte jener knapp 150 Zentimeter hohen Pflanze eine walnussgroße Kapsel mit kronenförmigem Aufsatz bildet (Quelle 4). Unter Verwendung eines mehrklingigen Messers ritzt man deren Außenseite an und erhält durch späteres Abschaben des nun nicht mehr hellen, sondern bräunlichen Sekrets den Stoff, der als Basis aller natürlichen, exogenen (also von außen zugeführten) Opioide dient: Rohopium. Es überrascht, wie lange die Menschheit bereits auf dieses Verfahren zurückgreift.

 

Schon Ideogramme der Sumerer, einem Volk, das vor knapp 6000 Jahren das südliche Mesopotamien, also die heutigen Staaten Irak und Syrien bewohnte, verweisen auf die Verwendung von Schlafmohn als Rauschdroge. Auch die Ägypter und antiken Griechen fügten die vermeintliche Wunderpflanze zum Fundus ihrer Heilmittel hinzu (Quelle 4). Auf Letztere lässt sich auch die heutige Terminologie zurückführen: „Opos“ steht im Griechischen für „Saft“ oder auch „Pflanzensaft“. Die Ambivalenz des Stoffes hatte sogar mythologische Auswirkungen: So galt die Mohnkapsel nicht nur als Symbol des Schlafgottes Morpheus, sondern war auch Zeichen von Thanatos, dem Totengott. Im alten Rom gebrauchte man die Substanz sowohl für Gifte als auch für Tinkturen aller Art, wobei Neros Leibarzt Andromachus sie sogar zur Basis seiner Medizin „Theriak“ machte, die angeblich sämtliche Leiden zu lindern vermochte (Quelle 4). Da Alkoholkonsum in den arabischen und damit muslimischen Ländern strengster Prohibition unterlag, gelangte Opium dort zu einer spirituellen Bedeutung, der man durch einen streng rituell bestimmten Konsum Ausdruck verlieh. Später gelangte Opium über die Kreuzzüge (Quelle 5) sowie das Studium antiker Schriften auch ins europäische Mittelalter, wo es erneut zu großer Popularität gelangte.

 

Die Hochzeit der Substanz begann allerdings erst später und ist im Reich der Mitte zu verorten. Schon vor den diplomatischen Bemühungen des britischen Empires gegen Ende des 18. Jahrhunderts spielte die Droge dort eine nicht unerhebliche Rolle und wurde von Eunuchen am Hof des Kaisers ebenso konsumiert wie von Künstlern und Musikern (Quelle 6).

 

Erst als die Briten mittels ihrer mächtigen East India Trading Company Opium in großen Mengen über Indien nach China schaffen, um ihr Handelsdefizit mit dem asiatischen Reich auszugleichen, beginnt sich die Situation zu drehen: Trotz restriktiver Politik seitens der Regierung breitet sich die Substanz rasend schnell über das gesamte chinesische Territorium aus und avanciert in Rekordzeit zur Droge der Armen und Abgehängten (Quelle 6). Weil immer wieder Hungersnöte ausbrechen, kommt dem hungerstillenden Opium schon bald eine traurige Doppelfunktion zu (Quelle 4). In jener Zeit entstehen viele literarische Texte, die sich mit dem stark abhängig machenden Rauschgift beschäftigen. Eins der bedeutsamsten Werke ist Thomas De Quinceys 1821 veröffentlichtes, autobiographisches Manuskript „Confessions of an English Opium-Eater“, zu Deutsch „Bekenntnisse eines englischen Opiumessers“, das die Höhen und Tiefen seiner Sucht sprachgewaltig aufzeigt. Hierin heißt es unter anderem:

 

>> Dass meine Schmerzen verschwunden waren, wurde in meinen Augen zu einer Kleinigkeit; […] hier war das Geheimnis des Glücks auf einmal entdeckt, über das die Philosophen so viele Jahrhunderte diskutiert hatten; das Glück konnte jetzt für einen Penny gekauft und in der Westentasche mitgenommen werden, tragbare Ekstasen konnte man auf Halbliterflaschen abgezogen bekommen und Seelenfrieden ließ sich per Post versenden. <<

 

Auch Edgar Allan Poe soll Gelegenheitskonsument des Stoffes gewesen sein.

 

Als die chinesische Regierung große Mengen der Substanz vernichten ließ, um die grassierende Epidemie unter Kontrolle zu bringen, brach 1839 der erste Opiumkrieg aus, den die Briten nach drei Jahren für sich entscheiden konnten. Infolge der Niederlage musste das Kaiserreich hohe Entschädigungszahlungen leisten und seine Märkte endgültig für englische Güter öffnen (Quelle 6). Nach Ende des zweiten Opiumkriegs (1856-1860) wurde der Stoff sogar offiziell freigegeben und sowohl legal angebaut als auch konsumiert. Erst als es 1906 zu einer Resolution der neuen britischen Regierung kam, die den Opiumhandel als unmoralisch brandmarkte, begann sich die Situation zu verändern. Schon zuvor hatte es in den Vereinigten Staaten massive Anti-Drogen-Demonstrationen gegeben, weil die lasterhafte Sucht dem puritanischen Denken vieler erzkonservativer Bürger diametral entgegenstand (Quelle 5). Dies war gleichsam mit rassistischen Anfeindungen gegenüber der asiatischen, insbesondere chinesischen Bevölkerung verbunden.

 

Auch in Deutschland haben Opiate besonders im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert eine große Rolle gespielt. Der Paderborner Apothekergehilfe Friedrich Wilhelm Adam Sertürner isolierte 1804 erstmals das Hauptalkaloid Morphium aus dem Opium, das während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871 weiträumig zum Einsatz kam und unzählige Soldaten als Süchtige aus den Lazaretten entließ. Zur Behandlung dieser wurde ab 1896 ein von Bayer hergestelltes, halbsynthetisches und angeblich nicht süchtig machendes Ersatzpräparat verwendet, welches aufgrund seiner vermeintlichen Wunderwirkung einen besonders klangvollen Namen erhielt: Heroin. Neben der Verwendung als Schmerzmittel wurde es außerdem als gewöhnliches Hustenmedikament verordnet.

 

Es erscheint erschreckend, wie lange Opium und auch Heroin frei verkäuflich waren: Ersteres wurde – vielleicht nicht zuletzt wegen der erneuten Abhängigkeitswelle infolge des Ersten Weltkriegs – 1929 verboten, während Letzteres sogar bis 1958 gekauft werden konnte und erst 1971 für gänzlich illegal erklärt wurde. Seit 2009 darf es unter strengen medizinischen Auflagen wieder hergestellt werden, wobei vollsynthetische Opioide wie Fentanyl mittlerweile am verbreitetsten sind.

 

Während das Rauschgift in China aufgrund des kollektiv erfahrenen Leids während der englischen Besatzungszeit sowie unter der extremen Anti-Drogen-Politik Mao Zedongs als verpönt gilt, hat es sich im Iran trotz strenger Scharia-Gesetze gehalten: Dort sind ganze 2,2 Prozent der Bevölkerung opiatabhängig – nirgendwo sonst auf der Welt sind es mehr (Quelle 7).

 

 

In eigener Sache: Wenn Ihnen die bisherigen Inhalte gefallen haben, würde es uns freuen, wenn Sie Le Mérite auf Facebook liken (@lemeriteofficial), auf Twitter folgen (@lemeritenews) oder weiterempfehlen könnten. Nur so ist es möglich, ein breiteres Themenspektrum abzudecken, engagierte Gastautoren zu gewinnen und kontinuierlicher Beiträge zu veröffentlichen. 

 

 

 

Quelle 1:

ZEIT ONLINE, kein angegebener Verfasser (2017): Opioid-Krise – Trump verhängt nationalen Gesundheitsnotstand. http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-10/donald-trump-opiodkrise-nationaler-gesundheitsnotstand (Stand: 28.10.2017).

 

Quelle 2:

n-tv, kein angegebener Verfasser (2016): Eine dumpfe Wolke des Wohlgefühls – USA erleben Schmerzmittel-Epidemie. http://www.n-tv.de/panorama/USA-erleben-Schmerzmittel-Epidemie-article19439271.html (Stand: 28.10.2017).

 

Quelle 3:

Steffens, Frauke (2017): Drogenkrise – Trumps Amerika im Griff des Heroins. http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/drogenkrise-in-den-usa-im-griff-des-heroins-15147779.html (Stand: 28.10.2017).

 

Quelle 4:

Schmidbauer, Wolfgang/vom Scheidt, Jürgen: Alles über Rauschdrogen. Deutscher Bücherbund, Stuttgart, 1974.  

 

Quelle 5:

Frieder, Leipold (2009): Opium – Geschichte einer Droge. http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/tid-16538/opium-geschichte-einer-droge_aid_461673.html (Stand: 29.10.2017).

 

Quelle 6:

Rosen, Björn (2011): Geschichte – Opium fürs Volk. http://www.tagesspiegel.de/politik/geschichte/geschichte-opium-fuers-volk/4171512.html (Stand: 29.10.2017).

 

Quelle 7:

Marlowe, Lara (2014): Hooked in Iran – where addiction rates are world’s highest. https://www.irishtimes.com/news/world/middle-east/hooked-in-iran-where-addiction-rates-are-world-s-highest-1.1834386 (Stand: 29.10.2017).

 

Bildquelle Teaser: 

https://i.pinimg.com/474x/ae/fc/cf/aefccfc932811e5628aa6b5296996e88--opium-den-smokers.jpg (Stand: 29.10.2017). 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0