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NFL - Von der Freiheit des Kniens

Ein Kommentar von Sebastian Böhm

 

Es ist lange her, dass sich George W. Bush zur Lage der amerikanischen Nation geäußert hat. Umso überraschender erscheint daher seine am Donnerstag gehaltene Ansprache, die sich mit der Krise moderner Demokratien beschäftigte sowie „Isolationismus, Nationalismus und Lügen“ (Quelle 1) im Politbetrieb des eigenen Landes geißelte. Ohne den konkreten Namen zu nennen, entpuppte sich Donald Trump schon bald als der eindeutige Adressat jener Worte. Obwohl dieser das Amt des US-Präsidenten noch nicht einmal für ein Jahr bekleidet, scheint die Liste potentieller Gegner mit jedem Tag etwas länger zu werden. Trotz wiederholter Beteuerungen im Wahlkampf, er wolle Frieden und Freiheit mit aller Kraft schützen, ja quasi zu einem Grundpfeiler der Harmonie avancieren, haben Zerwürfnisse auf nationaler und internationaler Ebene der Reputation des Weißen Hauses vielleicht nachhaltig geschadet.

 

Umso interessanter ist daher, dass es dennoch nicht die großen, weltpolitischen Themen sind, die seiner Popularität ein jähes Ende bereiten könnten: Nachdem weder Kim Jong-un noch der Iran oder linksliberale Abgeordnete ihren programmatischen Feldzug gegen Trump gewinnen konnten, scheint dieser nun einen ebenbürtigen Widersacher gefunden zu haben, an dem der polternde Unmut des US-Präsidenten erstmals abzuprallen scheint – die National Football League, kurz NFL. Dort sind die Spieler vieler Teams dazu übergegangen, während der Nationalhymne niederzuknien, um gegen Rassenhass, Polizeigewalt und Diskriminierung zu protestieren. Der mächtigste Mann der Welt hält diesen Akt für eine Respektlosigkeit gegenüber der amerikanischen Flagge und damit gegenüber all jenen, die in ihrem Namen kämpfen oder gefallen sind. Obwohl 52% der Bevölkerung (Quelle 2) den Eigensinn der Teams ebenfalls für unangebracht halten, ist der inoffizielle Landessport deutlich beliebter als die aktuelle Regierungsspitze, was vermuten lässt, dass Trump die Gegebenheiten früher oder später hinnehmen muss. Dabei haben sowohl er als auch die Spieler Recht und Unrecht zugleich.

 

Flagge und Hymne stehen nicht für Ausgrenzung, Staatsverschuldung oder Kriegsverbrechen – sie sind Symbole für eine Vision von Freiheit und Gerechtigkeit. Ihr repräsentativer Wert bezieht sich seit jeher weder auf die Vergangenheit noch auf die Gegenwart des Landes, sondern soll ausschließlich den Weg zu einer glänzenden, gemeinsam errungenen Zukunft leuchten. Weil die Fahne nicht ein spezifisches Merkmal verkörpert, sondern das Sinnbild für eine theoretisch mögliche, rein hypothetische und erst noch zu erreichende Idealgesellschaft darstellt, macht es aus Sicht der NFL-Spieler keinen Sinn, ihren Unmut gerade auf diese Weise auszudrücken. Niemand behauptet, dass es alle Menschen in den USA besonders leicht haben – doch als Amerikaner müssten sie gerade deshalb an jenem durch die Hymne verkörperten Leitstern einer besseren Nation festhalten. Weil die Spieler durch ihr Knien bewusst von der gängigen Form der patriotischen Ehrerbietung abweichen, ist ihr Verhalten tatsächlich als unreflektierte Respektlosigkeit zu bezeichnen – es gäbe angebrachtere Wege, um seine Unzufriedenheit mit gegenwärtigen politischen Prozessen auszudrücken.

 

Dennoch: Das Knien ist trotz seines geschmacklosen Charakters eine legitime und vor allem demokratische Form des Protests. Ungeachtet der Tatsache, dass die US-Truppen von der Politik immer wieder zu niederen Zwecken missbraucht wurden, war ihr innerster Antrieb stets der uneingeschränkt schützenswerte Traum der bereits genannten Freiheit und Gerechtigkeit. Wenn sie – wie Trump und andere implizieren – für die amerikanische Flagge bereitwillig das höchste Opfer erbrachten, so taten sie es auch für das Recht ihrer Landsleute, bei der Hymne niederzuknien. 

 

 

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Quelle 1:

n-tv, kein angegebener Verfasser (2017): Rede des Ex-Präsidenten – George W. Bush rechnet mit Trump ab. http://www.n-tv.de/politik/George-W-Bush-rechnet-mit-Trump-ab-article20093076.html (Stand: 20.10.2017).

 

Quelle 2:

Sport 1, kein angegebener Verfasser (2017): NFL-Proteste: Mehrheit der US-Bevölkerung reagierte mit Unverständnis – US-Bevölkerung gegen NFL-Proteste. http://www.sport1.de/us-sport/nfl/2017/09/nfl-proteste-mehrheit-der-us-bevoelkerung-reagiert-mit-unverstaendnis (Stand: 21.10.2017). 

 

Bildquelle Teaser: 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0f/San_Francisco_49ers_National_Anthem_Kneeling_%2837721041581%29.jpg (Stand: 02.09.2018). 

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