· 

Le Mérite 10+1 - Interview mit Christoph V. Steier (Junge Alternative)

Geführt von Sebastian Böhm

 

Allgemeines:

Christoph V. Steier, Jahrgang 1992, ist Landesvorsitzender der Jungen Alternative Bayern und engagiert sich außerdem im JA-Bundesvorstand. Neben seinem dualen BWL-Studium spielt er gerne Basketball und interessiert sich für Literatur.

 

Fragenkatalog an alle Parteien:

Frage 1: Wenn es zwei Dinge gäbe, die du an Deutschland verändern oder verbessern könntest, welche wären es?

Christoph V. Steier: Ein ganz wichtiger Punkt ist soziale Gerechtigkeit. Beispielsweise fällt es besonders jungen Familien überaus schwer, in München eine Wohnung zu finden. Auch Martin Schulz verwendet den Begriff sehr gerne, doch die SPD hat es verpasst, in den letzten Jahren dementsprechende Maßnahmen zu ergreifen und kann deshalb nur mehr als unglaubwürdig betrachtet werden.

Ferner liegt mir das Thema „Migration“ sehr am Herzen. Ich habe ehrenamtlich in einem Flüchtlingsheim gearbeitet und dabei feststellen müssen, dass viele proklamierte Thesen nach dem Motto „Was die Flüchtlinge uns bringen, ist wertvoller als Gold“ (Martin Schulz) nicht zutreffen. Man sollte die Situation mit einem kritischen Blick beäugen und sich vor Augen führen, dass durch sichere Grenzen zum Beispiel auch der Anschlag in Berlin hätte verhindert werden können. Den Menschen ist das durchaus bewusst, worauf ich teilweise auch den Aufstieg der AfD zurückführe.

 

Frage 2: Asyl und Integration sind seit 2015 die bestimmenden Themen in der deutschen Öffentlichkeit. Glaubst du, dass sich das Land durch die Aufnahme so vieler Menschen in finanzieller und/oder kultureller Hinsicht übernommen hat? 

Christoph V. Steier: Die Herausforderung der Flüchtlingskrise hätte man den Bürgern meines Erachtens nicht ungefragt aufhalsen dürfen. Daraus resultieren teils gravierende Ungerechtigkeiten: Es ist einfach unfair, dass jemand, der hier beispielsweise sein Leben lang Krankenkassenbeiträge gezahlt hat, dieselben Leistungen erhält wie jemand, der dies nicht getan hat. Gleiches gilt auch für Sozialleistungen, die in Deutschland ohnehin zu großzügig bemessen sind. Man sieht die Vorgehensweise in anderen Ländern – nachdem Staaten wie Schweden ihre Sozialleistungen gekürzt haben, wollten auch weniger Migranten einreisen. Des Weiteren muss auch Merkels Flüchtlings-Selfie als grober Fehler betrachtet werden: Es kam einer Einladung gleich, dass jeder, egal was er tut und woher er stammt, nach Deutschland kommen kann. Zuletzt halte ich die Option eines Familiennachzugs, wie sie von Union, SPD und vielen weiteren Parteien befürwortet wird, für das falsche Signal. Eher sollten wir dafür sorgen, dass in Syrien Frieden einkehrt und die Menschen in ihr Heimatland zurückkehren können.

 

Frage 3: Viele beklagen Ungerechtigkeiten aufgrund differierender Abschlussprüfungen. Ist die Organisation der Bildung auf Länderebene überholt?

Christoph V. Steier: Auch was die Bildung betrifft, liegt hierzulande einiges im Argen. Wir in Bayern haben – nicht zuletzt durch die Arbeit der CSU – ein solides Schulsystem, doch auch das weicht immer weiter auf. Außerdem besteht im angeblich so reichen Deutschland kein angemessener Umgang mit Lehrpersonal. Meine Freundin ist Lehrerin und sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass oft bloß noch Jahresverträge angeboten und die Angestellten zu den Sommerferien wieder entlassen werden. Leute, die sechs bis sieben Jahre studiert haben, am Ende des Schuljahres stempeln gehen zu lassen, ist ein unhaltbarer Zustand. Aufgrund verschieden schwieriger Abschlussprüfungen wäre es darüber hinaus begrüßenswert, einen zentralen Bildungsstandard einzuführen. Das wird momentan versucht, aber das Konzept muss noch weiter ausgearbeitet werden. Auf jeden Fall ist es richtig, über den Bund größere Fairness zu schaffen.

 

Frage 4: Die Bevölkerung in Deutschland wird immer älter. Bist du der Meinung, dass wir unser Gesundheitssystem reformieren müssen, um dieser Herausforderung gerecht werden zu können? Wenn ja, wie?

Christoph V. Steier: Das Problem sowohl im Gesundheits- als auch im Sozialsystem ist in der Tat ein demografisches. In Deutschland gibt es immer weniger junge und immer mehr ältere Menschen, doch es wäre falsch, Einwanderung als Patentlösung hierfür anzusehen. Vielmehr bräuchte es mehr Kinder durch eine richtige Familienpolitik, für die wir uns als AfD auch einsetzen. Derzeit ist es sehr schwierig, sich überhaupt eine Familie leisten zu können. Ferner – um noch einmal darauf zurückzukommen – sollten auch nur Einzahler von den Sozialsystemen profitieren. Die Migrationskrise stellt unser Gesundheitswesen vor massive Herausforderungen, was sich auch anhand der Krankenkassenbeiträge zeigt, welche man nach der Wahl mit Sicherheit erhöhen wird. Bislang wurde nur darauf verzichtet, weil solche Maßnahmen ganz klar ein Politikum darstellen.

 

Frage 5: Die fortschreitende Digitalisierung gefährdet trotz ihrer vielfältigen Möglichkeiten nicht wenige konventionelle Arbeitsplätze. Wie ist dieser Entwicklung auf lange Sicht beizukommen?

Christoph V. Steier: Ich glaube, unser Land hat das Thema „Digitalisierung“ ein bisschen verschlafen. In dieser Hinsicht finde ich das FDP-Wahlprogramm gar nicht so schlecht, da es Sinn ergäbe, sich mehr auf diesen Punkt zu fokussieren. In Estland ist es beispielsweise schon möglich, alle Behördengänge elektronisch zu erledigen. Deutschland sollte diesbezüglich auf jeden Fall nachziehen. Was die Arbeitsplätze selbst betrifft, kann davon ausgegangen werden, dass neben den wegfallenden Jobs auch viele neue Berufsbilder entstehen werden. Solche hochqualifizierten Kräfte erhalten wir vor allem dann, wenn wir die Menschen schon in der Schule mit Technik konfrontieren. Ich spreche aus eigener Erfahrung: Als ich aus der Schule kam, wusste ich nichts über Überweisungen oder Mietverträge, weshalb man den Fokus mehr auf Dinge richten sollte, die man danach tatsächlich benötigt. Dennoch müssen wir zweigleisig fahren: Einerseits gilt es, klassische Lehr- und Ausbildungsberufe, die sich nicht „digitalisieren“ lassen, zu stärken, während der technologische Fortschritt andererseits unbedingt zu fördern ist. Der erste diesbezügliche Schritt könnte, um die FDP zu zitieren, ein Schulfach mit dem Namen „Digitalisierung“ sein.

 

Frage 6: Wie stehst du zu Donald Trump und wie sollte sich Deutschland gegenüber einem Amerika unter seiner Administration verhalten?

Christoph V. Steier: Ich muss ehrlich sagen, dass ich Donald Trump anfangs für einen komischen Kautz gehalten habe. Was mir an ihm allerdings wirklich gefällt, ist, dass er sich massiv vom Lobbyismus abgrenzt und beispielsweise auch nicht zur Annahme von Wahlkampfspenden bereit war, um im Amt unabhängig zu bleiben. Dementsprechend hätte ich ihn auch gewählt. Ebenso in Deutschland muss man sich fragen, wer aufgrund eines stark auf Lobbyismus basierenden Politbetriebs hinter den Entscheidungsträgern steht. Dass Trump in vielerlei Hinsicht natürlich auch ein verrückter Kerl ist, muss uns allen klar sein. Dennoch weist er einige sehr gute Züge auf und wir sollten auf Augenhöhe mit ihm zusammenarbeiten. Wenn ihn das SPD-Lager als „Dummkopf“ oder Ähnliches beschimpft, macht das die Situation nicht besser. Er ist nun gewählt und wird die Legislaturperiode aller Voraussicht nach politisch überstehen, woran es nichts zu rütteln gibt. Im Übrigen täte eine mit „America first“ vergleichbare Devise auch Deutschland gut. 

  

Frage 7: Was hältst du für die Kernaufgabe zur Schaffung sozialer Gerechtigkeit?

Christoph V. Steier: Für mich ist soziale Gerechtigkeit ganz klar mit dem Motto „Deutschland zuerst“ verknüpft. Das betrifft zum Beispiel auch den sozialen Wohnungsbau, der selbstverständlich primär Deutschen, die in diesem Land bereits etwas geleistet haben, zugutekommen sollte.

 

Parteispezifische Fragen:

Frage 8: Alice Weidel hat die Sendung „Wie geht’s, Deutschland?“ abrupt verlassen. Tauscht sie bei solchen Gelegenheiten Sympathie gegen Aufmerksamkeit ein?   

Christoph V. Steier: Das müsstest du Alice Weidel fragen. Allerdings sage ich ganz klar, dass der Umgang mit ihr in dieser Sendung nicht in Ordnung war. Wenn Herr Scheuer von der CSU sich auf die Seite der Linken stellt und unserer Partei Rechtsradikalismus zum Vorwurf macht, obwohl er der Rhetorik der AfD oft sehr nahe kommt und beispielsweise von „ministrierenden, fußballspielenden Senegalesen“ spricht, macht das schlicht keinen Sinn. Dementsprechend finde ich, dass Frau Weidel die richtige Entscheidung getroffen hat. Beschimpfen und beleidigen lassen muss man sich nicht; ich wäre vermutlich auch gegangen.

 

Frage 9: Besonders Björn Höcke, André Poggenburg und zuletzt Alexander Gauland fallen mit radikal anmutenden Äußerungen immer wieder auf. Was ist der Grund dafür, dass sie in der Partei einen solch großen Rückhalt haben?  

Christoph V. Steier: Man muss beachten, dass es doch ein sehr ausgeprägtes Ost-West-Gefälle gibt. In Ostdeutschland kommen solche eher markanten Aussagen vielleicht besser an, doch mit Westdeutschland steht und fällt der Bundestagswahlkampf. Selbstverständlich ist es auch immer schön, im Osten gut abzuschneiden, doch meines Erachtens sollten Herr Höcke und Herr Gauland das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. Insofern sind solche Bemerkungen für mich in gewisser Weise inakzeptabel, denn sie bringen niemandem etwas – wir müssen in die Zukunft blicken und können es uns nicht leisten, ständig die Vergangenheit wieder auszugraben.  

 

Frage 10: Die AfD steht für weniger Europa und mehr Souveränität der Nationalstaaten. Aber sind die einzelnen Länder auf der internationalen Bühne überhaupt handlungsfähig, wenn sie nicht gemeinsam agieren?

Christoph V. Steier: Nun ja, die deutsche Wirtschaft hat zu D-Mark-Zeiten ja genauso funktioniert, „Made in Germany“ war über Jahrzehnte unser Markenzeichen und es spricht auch nichts gegen wirtschaftliche Zusammenarbeit. Dennoch ist es sinnlos, den Haushaltsüberschuss beispielsweise in Form von Garantien in Länder zu stecken, in die wir exportieren. Ferner halte ich es diesbezüglich mit Norbert Hofer von der FPÖ, der meinte, dass die EU zwar eine vielseitige Verordnung über Karamellbonbons erlassen kann, jedoch nicht zur einheitlichen Regelung der Atomkraft imstande ist. Neben der Tatsache, dass die EU wohl auch viel Augenwischerei betreibt, sollten deutsche Belange meines Erachtens auch hierzulande entschieden werden. Etwas anderes kann aufgrund der großen regionalen Unterschiede in Europa auch kaum funktionieren. Ich sehe daher nicht wirklich einen riesigen Mehrwert des europäischen Parlamentes und der europäischen Union.

 

Frage 10 + 1: Blicken wir 20 Jahre in die Zukunft – Wird Deutschland besser, schlechter oder unverändert dastehen?

Christoph V. Steier: Hoffentlich besser! Ich hoffe auch, dass der politische Druck nun höher wird und man sich nicht mehr alles erlauben kann. Meine Kollegen werden den Leuten der Altparteien auf die Finger schauen. Beispielsweise sollte man den Lobbyismus eindämmen. Zudem wünsche ich mir, dass die AfD das, was sie nun richtig anbringt, auch konsequent umsetzen wird. Davon kann man allerdings ausgehen, weil der Wille, ein lebenswertes Deutschland für unsere Kinder und Kindeskinder zu schaffen, durchaus vorhanden ist.

 

Le Mérite bedankt sich herzlich für das Interview. 

 

 

In eigener Sache: Wenn Ihnen die bisherigen Inhalte gefallen haben, würde es uns freuen, wenn Sie Le Mérite auf Facebook liken (@lemeriteofficial), auf Twitter folgen (@lemeritenews) oder weiterempfehlen könnten. Nur so ist es möglich, ein breiteres Themenspektrum abzudecken, engagierte Gastautoren zu gewinnen und kontinuierlicher Beiträge zu veröffentlichen. 

 

 

 

Bildquelle Teaser: http://afd-sonneberg.wordpress-multi-blog.afd-thueringen.de/wp-content/uploads/sites/28/2014/02/ja-icon1.png (Stand: 21.09.2017).

Porträt: http://www.br.de/puls/themen/leben/christoph-steier-afd-100~_v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135.jpg?version=03be4 (Stand: 21.09.2017). 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0