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Le Mérite 10+1 - Interview mit Tobi (Linksjugend ['solid])

Geführt von Sebastian Böhm

 

Allgemeines:

Tobi, Jahrgang 1997, ist Mitglied im Landessprecher*innenrat der Linksjugend [‘solid] Bayern. Für das Interview möchte er gerne anonym bleiben.

 

Fragenkatalog an alle Parteien:

Frage 1: Wenn es zwei Dinge gäbe, die du an Deutschland verändern oder verbessern könntest, welche wären es?

Tobi: Aus realpolitischer Sicht: Den Mindestlohn auf 12€ anheben und die Hartz-Gesetze abschaffen. Aus kommunistischer Sicht: Die Produktionsmittel des gesellschaftlichen Reichtums demokratisieren und eine Räterepublik aufbauen – also das Versprechen der Freiheit jedes und jeder Einzelnen einlösen, was weder die kapitalistische noch die sogenannten realsozialistischen Gesellschaften geschafft haben. Das steht für die Bundestagswahl, die aktuelle Politik und wohl auch dieses Interview aber nicht zur Debatte, dort geht es darum, möglichst vielen Menschen ein wenigstens annehmbares Leben zu ermöglichen.

 

Frage 2: Asyl und Integration sind seit 2015 die bestimmenden Themen in der deutschen Öffentlichkeit. Glaubst du, dass sich das Land durch die Aufnahme so vieler Menschen in finanzieller und/oder kultureller Hinsicht übernommen hat? 

Tobi: Ich glaube, die Aufnahme und Integration Asylsuchender hätte bedeutend besser geplant werden und strukturierter ablaufen müssen, dann hätten wir viele heutige Probleme nicht. Weiterhin bedarf es natürlich eines offenen Umgangs mit Problemen, die in konservativen muslimischen Communities bestehen, eines unnachgiebigen Kampfes gegen Islamismus und dem starken, unbedingten Eintreten für einen säkularen Staat, in welchem Religion Privatsache ist und die Rechtsstaatlichkeit für alle Menschen gilt – unabhängig von der Herkunft.

 

Frage 3: Viele beklagen Ungerechtigkeiten aufgrund differierender Abschlussprüfungen. Ist die Organisation der Bildung auf Länderebene überholt?

Tobi: Das sehe ich definitiv so! Es sollte überall in Deutschland möglich sein, bei vergleichbarer Schuldbildung gleichwertige Abschlüsse und damit auch Chancengleichheit im späteren Leben zu erreichen.

 

Frage 4: Die Bevölkerung in Deutschland wird immer älter. Bist du der Meinung, dass wir unser Gesundheitssystem reformieren müssen, um dieser Herausforderung gerecht werden zu können? Wenn ja, wie?

Tobi: Generell muss das Gesundheitssystem von der derzeitigen Zwei-Klassen-Politik mit staatlich und privat Versicherten hin zu einem System, in dem alle Menschen gute medizinische Versorgung erwarten können, geändert werden. Darüber hinaus brauchen wir bedeutend mehr Forschung im Bereich der „Alterskrankheiten“, wie zum Beispiel Demenz, um diesen besser begegnen zu können.

 

Frage 5: Die fortschreitende Digitalisierung gefährdet trotz ihrer vielfältigen Möglichkeiten nicht wenige konventionelle Arbeitsplätze. Wie ist dieser Entwicklung auf lange Sicht beizukommen?

Tobi: Ja, konventionelle Arbeitsplätze sind durch die Digitalisierung gefährdet, und viele Menschen stehen kurz davor, dass ihre Jobs schlicht wegrationalisiert werden. Die einzig sinnvolle und langfristig wirksame Möglichkeit damit umzugehen, ist, diese Entwicklung anzuerkennen und dafür zu sorgen, dass Menschen mit weniger Arbeit ebenfalls gut leben können, zum Beispiel mit einer regulären 30-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich – eigentlich doch eine verlockende Vorstellung und auch nicht schwer zu finanzieren, oder? Dies ist der einzige Weg, mit den heutigen technischen Möglichkeiten gerecht umzugehen.

 

Frage 6: Wie stehst du zu Donald Trump und wie sollte sich Deutschland gegenüber einem Amerika unter seiner Administration verhalten?

Tobi: Trump ist ein reaktionärer Unsympath auf einem mit sehr viel Macht ausgestatteten Posten; das macht ihn gefährlich. Die Gesetze, die er erlassen hat, schaden insbesondere Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund in den USA, allerdings auch der großen Masse der amerikanischen Bevölkerung. Ich halte aber schon seit seiner Wahl nicht viel von der deutschen Hysterie gegen ihn – denn er ist kein Diktator, kein Autokrat und ganz bestimmt kein neuer Hitler, wie er oft in deutschen Medien dargestellt wurde, sondern eben ein besonders rückschrittlicher Feind der amerikanischen Arbeiter*innenklasse, nicht mehr und nicht weniger. Die deutsche Politik sollte auch unter der Trump-Administration eben das machen, was Außenpolitik nun mal sollte, nämlich gute diplomatische Beziehungen herstellen und pflegen.

 

Frage 7: Was hältst du für die Kernaufgabe zur Schaffung sozialer Gerechtigkeit?

Tobi: Ich würde auch hier anbringen, dass man das Eigentum an Produktionsmitteln demokratisieren muss, um gesellschaftliche Widersprüche hin zu etwas Besserem aufzulösen, aber wie schon zu Beginn gesagt, ist das nicht das richtige Thema für dieses Interview und für die konkrete politische Situation. Um in diesem Deutschland soziale Gerechtigkeit zu schaffen, muss man meines Erachtens dafür sorgen, dass alle Menschen Wohnungen finden, die für sie dank gutem Lohn auch bezahlbar sind, und sie mit der Rente einen würdigen Lebensabend genießen können. Diese drei Dinge sind das Wichtigste.

 

Parteispezifische Fragen:

Frage 8: Die Bundessprecherin der Linksjugend, Sarah Rambatz, hat vor kurzem auf Facebook nach Filmen gefragt, in denen „Deutsche sterben“. Kurz vor der BTW kostete sie das ihren Listenplatz. Dennoch kommt es in der Partei immer wieder zu antideutschen Äußerungen. Wie kann es sein, dass sich Leute an der Parteispitze befinden, denen das Wohl der deutschen Bevölkerung offenbar nicht am Herzen liegt?     

Tobi: Zuerst: Die Beleidigungen und Bedrohungen, die bis zu der Notwendigkeit von Polizeischutz führten, sind der Skandal bei dieser Sache. Ich und auch wir als Landesverband stehen an Sarahs Seite.

Dann, zur Frage: Das Wort „antideutsch“ bezieht sich auf eine politische Strömung, die sich in Bezug auf deutschen Nationalismus gegründet hat, und sich heute vor allem mit der Kritik an Antisemitismus und Islamismus beschäftigt. Mit dem Wunsch, Deutsche sterben sehen zu wollen, hat das alles eher wenig zu tun, so auch bei Sarah. Ihr Post, der diesen Shitstorm ausgelöst hat, war ein Witz; aber ein Witz, den man definitiv nicht lustig finden muss und bei dem ich es auch gut verstehen kann, warum man sich von ihm beleidigt fühlt und fassungslos darüber ist, wie eine Kandidatin der LINKEN so etwas posten kann – sie hat sich daraufhin ja auch entschuldigt. Ich finde ihr Statement diesbezüglich gut und kann nur hoffen, dass es bei vielen Menschen ankommt.

Dieses findet man hier:

https://www.facebook.com/861354724016867/photos/a.871207763031563.1073741829.861354724016867/871329869686019/?type=3&theater

Und hier das Statement unseres Linksjugend-Landesverbands: https://www.facebook.com/solidbayern/posts/10155162182632672

 

Frage 9: Linke und Grüne stellen immer wieder die Wichtigkeit der Gender-Studies heraus, was von manchen Teilen der Bevölkerung nicht gutgeheißen wird. Warum ist deren Wert tatsächlich so groß, dass man zur Verfügung stehende Gelder nicht beispielsweise in „klassische“ Naturwissenschaften stecken sollte?   

Tobi: Ich bin kein Experte für Gender-Studies. Mit dem Einblick, den ich habe, weiß ich aber, dass es dort wie in jeder Wissenschaft wichtige Erkenntnisse gibt, aber natürlich auch wahnsinniger Unsinn getrieben wird. Definitiv ist das im Ganzen aber ein wichtiges Feld: Der Umgang mit Geschlecht und geschlechtsbezogener Diskriminierung ist eine äußerst wichtige Frage für die aufgeklärte, moderne Gesellschaft, in der Menschen nicht mehr alten Rollenvorstellungen und Zuschreibungen aufgrund ihres Geschlechts unterliegen sollten, sondern vielmehr größtmögliche Freiheit verdient haben.

 

Frage 10: Wie stellst du dir den gesellschaftlichen Umgang mit der AfD vor?   

Tobi: Man sollte der AfD immer und überall klare Kante zeigen und sie inhaltlich angreifen. Auf keinen Fall darf man ihr das Image als Anti-Establishment-Partei lassen. Man muss klar sagen, was diese Partei alles falsch macht: Dazu gehört die Politik als solche, welche weder soziale Fragen löst noch mit Problemen wie Islamismus fertig wird. Außerdem gilt es, auch immer wieder aufzuzeigen, dass diese Partei mit Menschen wie Höcke Nazis auch dann bei sich behält, wenn deren Gesinnung längst klar ist. Höcke hat dies nicht nur bei seiner Dresdner Rede gezeigt, sondern auch dadurch, dass er unter dem Pseudonym Landolf Ladig für die Zeitschrift des NPD-Kaders Heise publizierte. Siehe hier: https://andreaskemper.org/2016/01/09/landolf-ladig-ns-verherrlicher/

Inzwischen wird Kempers Gutachten sogar im innerparteilichen Ausschlussverfahren gegen Höcke benutzt – trotzdem besteht keine Aussicht darauf, dass sich die AfD von ihm trennen wird.

 

Frage 10 + 1: Blicken wir 20 Jahre in die Zukunft – Wird Deutschland besser, schlechter oder unverändert dastehen?

Tobi: Ich möchte keine Prognosen anstellen, sowas liegt mir nicht. Natürlich hoffe ich, dass es den Menschen in Deutschland in 20 Jahren besser geht, meine politische Arbeit richte ich aber auf das Hier und Heute und nicht auf das, was einmal sein könnte – denn unsere Zukunft haben auch immer noch wir selber in der Hand – und wir holen sie uns zurück! 

 

Le Mérite bedankt sich herzlich für das Interview. 

 

 

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Bildquelle Teaser: https://www.linksjugend-solid.de/wp-content/uploads/2013/08/solid-logo-big.png (Stand: 21.09.2017).

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