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Le Mérite 10+1 - Interview mit Anna Katharina Kassautzki (Jusos)

Geführt von Sebastian Böhm

 

Allgemeines:

Anna Katharina Kassautzki, Jahrgang 1993, ist Stadtverbandsvorsitzende in Passau und stellvertretende Landesvorsitzende der Jusos in Bayern. Sie hat Staatswissenschaften studiert und widmet sich in ihrer Freizeit gerne dem Lesen, Klavier spielen, Singen, Kochen, Reisen und Wandern. Außerdem verbringt Anna gerne Zeit mit ihren Freundinnen und Freunden.

 

Fragenkatalog an alle Parteien:

Frage 1: Wenn es zwei Dinge gäbe, die du an Deutschland verändern oder verbessern könntest, welche wären es?

Anna Katharina Kassautzki: Ich wünsche mir Chancengleichheit vor allem für junge Menschen. Hierzu gehört für mich, dass sich jede und jeder ein Studium und/oder eine Ausbildung leisten kann und die Möglichkeit bekommt, hierzu die Voraussetzungen zu erfüllen. Deswegen will ich eine gebührenfreie Bildung von der KiTa bis zum Meister oder Master. Es kann doch nicht sein, dass für Kinder reicherer Eltern die Nachhilfe bezahlbar ist und für Kinder aus weniger einkommensstarken Haushalten nicht. Auch kann es nicht sein, dass Leute in ihrer Ausbildung 300€ im Monat bekommen und davon Wohnung, Lehrbücher, teilweise noch die Grundausstattung für die Ausbildung, das Pendeln zur Schule und am besten da noch eine Unterkunft zahlen müssen. Das geht vorne und hinten nicht auf. Weiterhin wünsche ich mir ein Land, in dem es vollkommen egal ist, welches Geschlecht ich habe, wen ich liebe, ob ich Kinder will oder woher ich komme. Ein tolerantes und offenes Land mit Chancengleichheit für alle.

 

Frage 2: Asyl und Integration sind seit 2015 die bestimmenden Themen in der deutschen Öffentlichkeit. Glaubst du, dass sich das Land durch die Aufnahme so vieler Menschen in finanzieller und/oder kultureller Hinsicht übernommen hat? 

Anna Katharina Kassautzki: Nein, das glaube ich nicht. Ich wohne im wunderschönen Passau in Niederbayern. Wir waren 2015 einer der Endpunkte der Balkanroute. Aber anstatt zu meckern und die Hände über den Kopf zusammenzuschlagen, haben wir angepackt und solidarisch geholfen. Es gibt super viele Angebote für Geflüchtete und Orte der Begegnung. Ich sehe mich in erster Linie als Mensch und ich glaube, es ist unsere Pflicht, anderen Menschen zu helfen. Wenn ich mir mein beschauliches Passau so anschaue, sind hier jetzt zwar mehr Menschen, die vielleicht nicht grade gebürtige Niederbayern und Niederbayerinnen sind, aber mal ganz ernsthaft: Jeden Tag Schweinsbraten ist ja auch irgendwie fad.

 

Frage 3: Viele beklagen Ungerechtigkeiten aufgrund differierender Abschlussprüfungen. Ist die Organisation der Bildung auf Länderebene überholt?

Anna Katharina Kassautzki: Ja! Wir müssen es schaffen, einheitliche Bildungsabschlüsse zu etablieren. Es bringt doch nichts, dass das Abitur in Bayern als viel härter gilt als im Rest Deutschlands, aber die politische Bildung hier in den Schulen zu kurz kommt. Wäre es nicht wichtiger, Schülerinnen und Schülern Demokratieverständnis mit auf den Weg zu geben, anstatt sie die römischen Kaiser auswendig lernen zu lassen? Letzteres kann man immerhin googeln. Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern muss aber in erster Linie aufgebrochen werden, um beispielsweise Gelder des Bundes zur Sanierung von Schulbauten hernehmen zu können.

 

Frage 4: Die Bevölkerung in Deutschland wird immer älter. Bist du der Meinung, dass wir unser Gesundheitssystem reformieren müssen, um dieser Herausforderung gerecht werden zu können? Wenn ja, wie?

Anna Katharina Kassautzki: Ja, auf jeden Fall. Mit einer Bürger*innenversicherung, in die alle einzahlen. Es ist wirtschaftlich schier unklug, Anreize im Versicherungssystem zu schaffen, dass sich Bezieher*innen hoher Einkommen privat versichern, während untere und mittlere Einkünfte in die gesetzliche Versicherung einzahlen. Jeder Mensch in Deutschland hat den Anspruch auf eine Gesundheitsversorgung, die sich bestmöglich um seine Genesung und sein Wohlbefinden kümmert. Entsprechend wollen wir eine Bürger*innenversicherung, in die alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, alle Selbstständigen und Beamten einzahlen.

 

Frage 5: Die fortschreitende Digitalisierung gefährdet trotz ihrer vielfältigen Möglichkeiten nicht wenige konventionelle Arbeitsplätze. Wie ist dieser Entwicklung auf lange Sicht beizukommen?

Anna Katharina Kassautzki: Indem wir uns nicht an klassischen Arbeitsplätzen festklammern, sondern allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die Chance geben, sich umzuorientieren. Wir können freilich auch in 50 Jahren noch Verbrennungsmotoren subventionieren, weil Arbeitsplätze daran hängen. Wir können aber auch schauen, dass wir neue Technologien unterstützen und hier Vorreiter werden – dadurch halten wir zwar nicht die alten Arbeitsplätze, aber schaffen neue. Mittels der gezielten Investition in Qualifizierung und Fortbildung wollen wir sicherstellen, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland sich auch morgen keine Sorgen um ihre berufliche Sicherheit machen müssen, sondern den technologischen Fortschritt als weitere Möglichkeit ihrer beruflichen Selbstverwirklichung begreifen können.

 

Frage 6: Wie stehst du zu Donald Trump und wie sollte sich Deutschland gegenüber einem Amerika unter seiner Administration verhalten?

Anna Katharina Kassautzki: Spätestens seine Rede vor den Vereinten Nationen zeigt, dass Donald Trumps Weitsicht von 12 bis mittags reicht. Man darf sich in der internationalen Politik nicht wie ein Elefant benehmen und davon ausgehen, dass alles heile bleibt. Deutschland hat in der Vergangenheit schon gezeigt, dass wir nicht blind jedem Kriegsaufruf der USA folgen. Der Frieden, in dem meine Generation und die vor mir aufgewachsen ist, ist eine Errungenschaft, die viel zu schnell zerbrechen kann. Hier müssen wir umsichtig und diplomatisch vorgehen, statt zu poltern und mit Säbeln zu rasseln.

 

Frage 7: Was hältst du für die Kernaufgabe zur Schaffung sozialer Gerechtigkeit?

Anna Katharina Kassautzki: Wie bereits vorher beschrieben, halte ich die Schaffung von Chancengleichheit für das zentrale Element sozialer Gerechtigkeit. Ich will darauf genauer eingehen. Wir leben gegenwärtig in einem Land, in dem die Aufnahme eines Studiums maßgeblich von der Ausbildung der Eltern abhängt. Wir leben in einem Land, in dem Frauen im Durchschnitt mehr als 20% weniger verdienen als Männer. In einem Land, das trotz seines Wohlstands einen der größten Niedriglohnsektoren in ganz Europa hat. Und wir leben in einem Land, das ganze Generationen in die Altersarmut treibt. Das alles wollen wir ändern: Mit Investitionen in Bildung und BAföG, mit echter Gleichstellung von Frau und Mann, mit steuerlichen Entlastungen von Geringverdiener*innen und mit der Stabilisierung der Rente. So schaffen wir soziale Gerechtigkeit.

 

Parteispezifische Fragen:

Frage 8: Die SPD wirbt unter anderem mit dem Slogan „Zeit für mehr Gerechtigkeit“. War in den vergangenen vier Jahren der Regierungsbeteiligung keine Zeit dafür?    

Anna Katharina Kassautzki: Natürlich war da in den letzten vier Jahren Zeit dafür. Ich bringe einfach mal zwei Beispiele: Die Mietpreisbremse ist zwar noch nicht so, wie wir sie uns ursprünglich vorgestellt haben, aber es gibt sie. Die noch existierenden Schlupflöcher müssen gestopft werden, damit man auch in Städten bezahlbaren Wohnraum finden kann.

Mich ganz persönlich hat der Mindestlohn unterstützt. Ich arbeite neben meinem Studium, um mir mein Leben hier leisten zu können. Ich habe durch die Einführung des Mindestlohnes zwei Euro mehr die Stunde verdient – das ist auf den Monat gerechnet eine ganze Menge Geld. Dabei können wir es natürlich nicht belassen. Deswegen ist unser Slogan für die Wahl „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ und in unserem Programm haben wir konkrete Pläne für eine bessere Zukunft festgehalten.

 

Frage 9: Das von Herrn Justizminister Maas angeregte Netzwerkdurchsuchungsgesetz sieht vor, dass private Anbieter wie Facebook & Co tatsächlich oder vermeintlich rechtswidrige Kommentare löschen müssen. Fällt diese Aufgabe in einer Demokratie mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung nicht den Strafverfolgungs- und Justizbehörden zu?  

Anna Katharina Kassautzki: Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, genauso wenig die sozialen Netzwerke. Hier dürfen sich die Betreiber nicht aus der Verantwortung ziehen. Die Menge an blankem Hass, die einem in den Kommentarspalten entgegenschlägt, raubt mir manchmal den Atem. Wenn Brüste innerhalb von Stunden aus Facebook verschwinden können, wäre es doch angebracht, wenn das mit Morddrohungen und Ähnlichem auch so wäre, oder nicht?

Kommentare, die strafrechtlich relevant sind, werden weiterhin von unseren Strafverfolgungs- und Justizbehörden verfolgt, nicht von Facebook & Co. Allerdings fällt es in deren Verantwortung, die Verbreitung von Hate-Speech und Fake-News einzudämmen.

 

Frage 10: Martin Schulz hat während seiner Zeit als Abgeordneter der Sozialistischen Fraktion im EU-Parlament nachweislich Sitzungspauschalen für Tage kassiert, an denen er nicht anwesend war. Warum sollte ein klassischer Arbeiter dem SPD-Spitzenkandidaten hinsichtlich dieser Mentalität Glauben schenken, wenn er von sozialer Gerechtigkeit spricht?  

Anna Katharina Kassautzki: Wer glaubt, die Arbeit des Präsidenten eines Parlaments beschränkt sich nur auf das Leiten von Sitzungen, ist naiv: Der Präsident des europäischen Parlaments nimmt an internationalen Konferenzen teil, reist im diplomatischen Auftrag der Europäischen Union zu Gesprächen an und vertritt die Interessen der Bürgerinnen und Bürger an 365 Tagen im Jahr.

Martin Schulz hat in seinem Programm konkret dargestellt, wie durch Umverteilung der Steuerlast Arbeitnehmer*innen bis zu einem Einkommen von 80.000 Euro entlastet werden. Er hat im Rahmen seiner Bildungsoffensive aufgezeigt, wie man Bildung unabhängig vom Geldbeutel der Eltern gestalten kann. Er hat gezeigt, wie man als Sozialdemokrat auf die Anforderungen der Digitalisierung an die Arbeitsrealität der Arbeiterinnen und Arbeiter reagiert. Kurzum: Er hat den klassischen Arbeiter*innen aufgezeigt, wie mehr Gerechtigkeit geht. All diese Vorschläge sind konkret, sie sind berechnet, und sie sind fair. Das ist das Alleinstellungsmerkmal des Programms von Martin. Und darum wirbt er um das Vertrauen der Arbeiter*innen.

 

Frage 10 + 1: Blicken wir 20 Jahre in die Zukunft – Wird Deutschland besser, schlechter oder unverändert dastehen?

Anna Katharina Kassautzki: Das kommt ganz darauf an, wie das Land in den nächsten Jahren geführt wird.

 

Le Mérite bedankt sich herzlich für das Interview. 

 

 

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Bildquelle Teaser: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e8/Jusos_Logo_4c.svg/2000px-Jusos_Logo_4c.svg.png (Stand: 20.09.2017).

Porträt: © Anna Katharina Kassautzki 

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